#44: Dolce Far Niente – Über das süße Nichtstun.

Vetralla (Italien).

Als ich heute morgen aus dem Fenster sehe fällt mir nur ein passender Begriff ein: kitschig. Der Nebel liegt wie eine leichte Decke auf den Tälern, die Sonne lässt die Landschaft golden schimmern, die Vöglein trällern dazu ihr Morgen-Liedchen… Hmmmm. Eigentlich will ich hier gar nicht weg…

Bevor ich mich zum Frühstück begebe spaziere ich noch ein wenig über das Grundstück und halte die Impressionen so gut es geht fest. Bevor die letzte Etappe anbricht werde ich wieder mit warmen Croissants und Cappuccino versorgt. Und mit der Aussicht schmeckt la prima colazione gleich noch besser.

Es bleiben noch 140 km bis zu meinem Ziel. Nix quasi im Vergleich zu den vergangenen Tagen. Beim Läuten der Mittagsglocken komme ich in Vetralla an. Michela, meine Gastgeberin, erwartet mich bereits. Die Begrüßung ist unglaublich herzlich. Drei Jahre ist es her seit ich hier gewesen bin. Und es kommt mir vor als ob es gestern gewesen wäre. Die Zeit scheint still gestanden zu sein. Ich erinnere mich an jedes Detail. Die bunten Stühle auf der Terrasse, die kleine Küche, der Kamin im Wohnzimmer.

Bevor ich mein Zimmer beziehe wird natürlich zuerst ein Espresso serviert – man ist schließlich in Italien. Michela und ich plaudern rund eine Stunde über meine Reise durch Asien, über Yoga, übers Leben halt… und plötzlich erinnere ich mich auch daran wie schnell Michela gesprochen hat. Ich verstehe zu meinem Erstaunen rund 90 Prozent des Gesagten und kann (hoffentlich) auch halbwegs nachvollziehbare Antworten liefern. Und ich habe nun ja drei Wochen Zeit um meine Sprachkenntnisse aufzufrischen. Ach ja, hab ich das schon erwähnt? Ich bin gekommen um zu bleiben.

Nun habe ich ja bereits gesagt, dass Vetralla nicht unbedingt the Place to be ist. Was also mache ich so lange an diesem Fleck? Na was wohl: dolce far niente. Nix tun also. Das Leben in seiner Einfachheit genießen. Lesen. Schreiben. Yoga. Und Essen natürlich… viel Essen… gut Essen.

Ok, ok. Das alleine wäre mir vermutlich auf die Dauer etwas zu langweilig. Der Vorteil an Vetralla ist, dass der Ort ein super Ausgangspunkt für Tagesausflüge ist. Und damit ich die deutsche Sprache nicht ganz verlerne bekomme ich in knapp zwei Wochen auch Besuch (Kerstin, non vedo l’ora di rivederti a Roma). Es sollte sich also aushalten lassen…

Da die Vespa-Fahrt heute eindeutig zu kurz gewesen ist, schwinge ich mich am Nachmittag nochmal auf den Sattel um den Ortskern unter die Lupe zu nehmen. Rathaus, Kirche, Café… viel gibt es nicht zu erkunden. Aber ich schließe den Ort sofort ins Herz.

Als Tourist verschlägt es einen nur hierher wenn man als Pilger auf der Via Francigena unterwegs ist (was Tom und ich eben auch vor drei Jahren gemacht haben). Bei meinem Nachmittags-Capuccino treffe ich auch gleich auf die ersten Pellegrini, die Spezies ist ja sofort am großen Rucksack und den müden Beinen zu erkennen. Ich plaudere kurz mit dem Paar aus Norditalien, bevor die beiden dann ihren weiteren Weg antreten. Buon camino!

Nachdem ich noch die wichtigsten Dinge im Supermarkt besorge, mache ich mich auf den Heimweg. Der Himmel ist wieder richtig dunkel, die ersten Blitze durchziehen die Wolken. Aufgrund meiner gestrigen Erfahrungen bleibe ich jedoch ziemlich entspannt. Wird eh wieder nichts kommen. Denkste. Ich bin heilfroh rechtzeitig in meiner Unterkunft zu sein. Nur wenige Minuten nach meiner Ankunft schüttet es wie aus Eimern und es donnert dass buchstäblich die Wände wackeln. Arme Pilger…

Nach einem Caprese (heut wird mal selbst „gekocht“) mopse ich mir noch einen Keks aus dem Schrank. Schließlich heißt es ja auch DOLCE far niente 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s