#36: In my mind’s eye – Über Bilder im Kopf.

Kapas Island / Malaysia.

Eine Woche noch. Eine Woche noch bis meine lange Reise zu Ende geht. Schon seit längerem frage ich mich, wie ich diese absolut wunderbare Zeit zu einem krönenden Abschluss bringen kann. Wie kann ich das, was ich bereits erlebt habe eigentlich noch toppen? Geht das überhaupt? Ich habe alles gesehen und gemacht was ich wollte, und noch so viel mehr. Muss ich das alles überhaupt toppen? Muss immer alles in einer Superlative enden? Nein, natürlich nicht. Aber mit „irgendwie“ gebe ich mich nicht zufrieden. Mache ich nie…nicht mehr. Das Leben ist einfach zu kurz um es einfach nur „irgendwie“ zu leben. So schaut’s aus.

Optionen gibt es wie immer genug. Ich könnte einfach noch ein paar weitere Tage auf Borneo bleiben. Ich könnte einfach zurück aufs Festland von Malaysia fliegen und mir noch die ein oder andere nette Stadt ansehen. Ich könnte einfach gleich Richtung Thailand ziehen und die verbleibende Zeit auf irgendeiner Insel verbringen. Einfach, einfach, einfach…. Laaaaangweilig…

Satteln wir das Pferd also richtig. Die Frage die ich mir stellen muss ist also nicht „welche Optionen gibt es“ sondern „was will ich wirklich machen“. Und das weiß ich. Ich habe genug von Städten und Tempeln, genug von Wolkenkratzern und genug von Nationalparks (von Affen natürlich nicht… niemals). In meinem Kopf ist ein Bild. Ein Bild von einer kleinen Hütte. Einer Hütte an einem ruhigen Strand. Einem ruhigen Strand auf einer kleinen Insel. Einer kleinen Insel ohne Autos und ohne Pferdekarren.

Ich kann mich also auf die Suche machen. Blätter blätter… scroll scroll. Nichts erfüllt meine Erwartungen so wirklich. Und plötzlich… ein Geistesblitz. Vor über vier Monaten sitze ich mit einem Paar aus Australien beim Frühstück. Wir sind in Arambol, noch mitten in der Yoga Trainer Ausbildung. Ich glaube ich habe von den beiden schon mal berichtet… weiß aber offen gestanden nicht mehr in welchem Zusammenhang… egal. Luke und Claire stehen zu diesem Zeitpunkt am Ende ihrer einjährigen Reise. Einfach wow. Ich bin natürlich mega neugierig. Meine Reise beginnt ja gerade erst. Neben vielen Fragen stelle ich eine, die man als Langzeitreisender irgendwie nicht so gern hört. Nämlich die, ob es denn ein Highlight gibt. Warum hört man die Frage nicht so gern? Hmmm… einfach weil sie extrem schwer zu beantworten ist (darum mache ich es an dieser Stelle auch nicht :-)). Nach kurzem Zögern entscheidet Claire sich dann aber doch. Kapas Island ist also ihr ganz persönlicher Favorit. Aha. Never heard before. Es handelt sich dabei offenbar um eine kleine Insel im Osten von Malaysia. Sie erzählt von einem ruhigen Strand, einer kleinen Hütte, keine Autos, kaum Touristen… kommt das bekannt vor? Ja, es ist genau der Ort, den ich im Kopf habe.

Bingo. Entscheidung gefallen. Flüge werden gebucht, eine Hütte wird reserviert (was gar nicht so einfach ist, da keine der wenigen Unterkünfte auf Booking.com präsent ist… dank eines Blogs finde ich aber eine Telefonnummer). Ich fliege von Borneo über Kuala Lumpur nach Kuala Terengganu, wo ich eine Nacht in einem Hostel verbringe (kein aufregender Ort daher keine weiteren Details… nur ein Foto).

*****

Am nächsten Tag geht es mit einem Grab zum kleinen Hafen. Wie üblich fragt der Fahrer wo ich herkomme, wie lange ich unterwegs bin, was mein Ziel ist. Als ich Kapas Island erwähne gerät er sofort ins Schwärmen. Auf seinem Handy öffnet er ein YouTube Video mit einem Bericht über die Insel. Ich bekomme eine Gänsehaut. Ja, das ist genau das Bild, das ich in meinem Kopf herum getragen habe. Aber ganz genau.

Die Bootsfahrt nach Kapas dauert lediglich eine Viertelstunde. Wir legen an einem kleinen Strand an. Schon vom Schiff aus fällt mir auf, wie klar das Wasser hier ist. Meine Unterkunft liegt direkt an diesem Abschnitt. Ich sage euch, wenn ich nicht 15kg am Rücken hätte würde ich durch den Strand hopsen und dabei singen.

Ich werde ganz herzlich vom Betreiber empfangen. Meine Hütte ist noch nicht fertig. Ich setze mich also in den Gemeinschaftsbereich und beginne gleich damit diesen Beitrag zu schreiben (die frischen Erinnerungen sind bekanntlich die besten).

Neben mir sitzen vier Mädels und plaudern auf Englisch. Vertieft in mein Geschreibe höre ich erst gar nicht richtig zu. Herausgerissen werde ich jedoch als eine der jungen Damen etwas auf Deutsch sagt. Und zwar nicht auf Deutsch-Deutsch, es handelt sich ganz eindeutig um Österreich-Deutsch. Ich muss sofort lachen und spreche sie natürlich gleich an. Und ich kann es nicht glauben. Eine Steirerin, aus Trieben kommt sie. Auch sie scheint sich extrem zu freuen eine Landsmännin zu treffen. Sie springt regelrecht auf und umarmt mich ganz fest und herzlich. Ich bin seit sage und schreibe 18 Wochen unterwegs. Die Österreicher, die ich getroffen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Offensichtlich sind wir kein reisefreudiges Völkchen. Schade eigentlich. Ihr denkt, dass ich lange auf Reisen bin? Bin ich. Es geht aber auch anders. Jana ist bereits seit über zwei Jahren unterwegs. Und das lustige ist, dass Kapas ebenfalls ihre letze Station ist. Noch besser wäre es eigentlich nur, wenn wir auch noch den selben Rückflug gebucht hätten.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen kann ich meine Hütte beziehen. Absolut schlicht, ziemlich abgewohnt. Offen gestanden ist es vom Standard her sicher eine der schlechtesten Unterkünfte meiner gesamten Reise. Ich packe sogar seit einer Ewigkeit wieder einmal mein Moskitonetz aus… man weiß ja nie wer einen in der Nacht besuchen möchte. Aber dennoch bin ich absolut begeistert. Das Häuschen hat einfach Charme und liegt direkt am Strand. Ich packe schnell aus, wasche ein letztes Mal meine Wäsche im Waschbecken (das werde ich garantiert nicht vermissen).

Das Programm für den Nachmittag besteht darin, dass ich abwechselnd auf einem Sonnenbett oder im Wasser liege. Ja richtig, liege. Das Meer ist so ruhig, dass man sich auf dem Rücken liegend einfach nur treiben lassen kann (das werde ich vermissen… und wie). Kurz vor dem Sonnenuntergang mache ich noch einen Spaziergang am Strand, finde ein paar schöne Muscheln (langsam wird es wirklich Zeit für Souvenirs).

Ach ja… und ich krame mein Tagebuch hervor. Das kleine Büchlein, in dem ich all meine Erlebnisse und Gedanken notieren wollte. Irgendwie sind wir aber nie richtig warm geworden miteinander. Bisher habe ich es keine fünf mal zur Hand genommen. Aber heute ist es soweit. Warum? Weil ich einen neuen Zweck dafür gefunden habe. Ich habe viel gelernt in den letzten Monaten… unglaublich viel… vor allem über mich selbst. Naja, über wen auch sonst… Und diese Erkenntnisse möchte ich jetzt eben festhalten. Und so füllen sich die bisher leeren Seiten des Buches… eine nach der anderen. Ich habe mir offenbar so Einiges zu sagen…

Den Abend lasse ich gemeinsam mit zwei deutschen Mädels im angrenzenden Restaurant ausklingen. Auch die beiden fliegen in wenigen Tagen retour in die Heimat. Und ratet mal was das dominierende Gesprächsthema ist. Genau. Wo geht eigentlich die nächste Reise hin? Ein Argentinier setzt sich zu uns. Auch er ist seit über zwei Jahren unterwegs. Und verrät uns: Reisen ist wie eine Droge. Man kann nicht mehr aufhören… ich sag mal nichts dazu… we will see 😉

*****

Am nächsten Morgen wache ich recht früh auf (obwohl ich keinen Wecker gestellt habe… warum auch), mache gleich einen ausgiebigen Spaziergang am Strand inklusive Schaukeln (es wird ja noch immer zu wenig…).

Ansonsten gibt es hier drei Dinge zu tun: nichts, nichts oder Schnorcheln. Da mein Energielevel hoch wie schon lange nicht ist, entscheide ich mich für Option Nummer 3. Ich borge mir eine Maske aus und spaziere an den nächsten Strand. Schon nach ein paar Metern bin ich mitten in einer bunten Landschaft. Hier scheint das (Unterwasser-)Leben noch in Ordnung zu sein. Doch offenbar gibt es im Paradies immer einen Störenfried. In diesem Fall ist es ein unsichtbarer. Andauernd sticht mich irgendetwas. Anfangs ist es einfach nur nervig. Ab einem gewissen Punkt richtig schmerzhaft. Ich beschließe eine kurze Rast an einem der Strände einzulegen. Oje. Die Biester hinterlassen sogar Spuren. Vor allem an den Armen bin ich übersät mit roten Flecken… Hmmm… Not good. Und das Problem ist, dass ich erneut ins Wasser muss. Mein Strandabschnitt ist nicht auf dem Landweg erreichbar. Hilft also nichts. Es wird schlimmer und schlimmer. Und dann, ganz plötzlich schwimme ich dem vermeintlichen Angreifer gegenüber. Kleine Quallen… überall um mich herum. Na super… es scheint ja keine Feuerqualle zu sein, das ist denke ich eine ganz andere Liga. Aber es reicht mir auch so. Ich versuche so schnell wie möglich aus dem Wasser zu kommen, gehe in meine Hütte und dusche mich ab (wehe es kommt irgendjemand mit dem Urin-Tipp…). I am not amused. Meine Arme sehen aus, als hätte ich einen fiesen Ausschlag. Alles juckt und brennt. Abwarten… Entwarnung… nach einem Schläfchen auf meiner Terrasse (mit meiner neuen Katze) hat sich meine Haut wieder beruhigt.

It’s hot… very hot. Ich wage also einen neuen Versuch. Ich schwimme ein paar Meter hinaus. Die Lage hat sich nicht verändert. Sofort brennt und juckt es wieder überall. Ich gebe mich geschlagen. Als ich wieder an Land bin treffe ich auf Jana (das andere Steirer-Mädel). Da sie bereits einige Male auf Kapas war, sollte sie so etwas wie eine Expertin sein. Ist sie. Die Biester haben einen Namen: Wasserläuse. Ihhhhh. Na, zumindest gut, dass ich keine Urin-Therapie gegen Quallen-Attacken versucht habe 😉

Also… dann halt doch Nichts-Tun. Ich gestehe, das fällt mir irgendwie schwer. Mehr als ein paar Tage würde ich das nicht aushalten. Klingt komisch – ist aber so. Läuse im Wasser, Hummeln im Hintern… und vor lauter Faulenzen schlafe ich dann wieder mal für rund zwei Stunden ein. Ok, das ist das vierte was man hier anstellen kann. Schlafen.

****

Neuer Tag – neues Abenteuer. Es gibt doch noch etwas zu tun: Jungle Trekking. Da mein Akku wieder recht gut geladen ist, muss ich einfach etwas Aktives machen. Ich weiß, dass es einen Weg gibt, der auf die andere Seite der Insel zu einem kleinen Strand führt. Sounds like a Plan. Jetzt liegt die Messlatte nach Borneo natürlich ziemlich hoch. Somit kann dieser Trail meine Wander-Erlebnisse im Urwald nicht übertrumpfen. Aber wie schon gesagt, nicht alles muss stets immer besser sein als das andere. Der Weg hat aber irgendwie etwas. Hier gibt es keine Ranger, niemanden der sich um die Instandhaltung kümmert. Und genau so sieht es auch aus. Wild. Natürlich. Wunderschön. Wieder ist der Weg kein Spaziergang. Es geht auf und ab, der Pfad ist immer wieder stark verwachsen (ich hätte definitiv lange Hosen tragen sollen), man muss Hindernisse übersteigen oder unten durch robben.

Nach rund 30 Minuten komme ich am Strand an. Und bin… fassungslos. Es ist eine einzige Müllhalde. So etwas habe ich auf meiner bisherigen Reise noch nicht gesehen. Der Anblick macht mich einfach nur traurig. Und er bringt mich dazu mir selbst ein Versprechen zu geben. Schluss mit Plastik. Es ist aus meiner Sicht eine Illusion sich vorzunehmen komplett darauf zu verzichten. Step by step klappt meist am besten und am nachhaltigsten. Ich werde also ab jetzt immer meine wiederbefüllbare Flasche dabei haben. In Wahrheit ist es ja pervers, oder? Wir können den Hahn aufdrehen und das Wasser direkt aus der Leitung schlürfen… und trotzdem sind die Supermärkte voll mit Wasser in Plastikflaschen. Crazy eigentlich…

Ich halte mich also nicht lange an diesem Strand auf sondern trete sofort den Rückweg an. Der Magen knurrt, das Frühstück wartet. Nachdem ich mein Joghurt mit Obst verspeist habe, kann das Rad von vorne beginnen: Nichts-Tun – Schlafen – Lesen – Essen…

Da ich ja diese Insel bald wieder verlassen werde, möchte ich den Wasserläusen nochmal einen Besuch abstatten. Aber, die haben heute wohl Urlaub. So ein Pech aber auch. Somit kann ich das Schnorcheln heute in vollen Zügen genießen. Fast zwei Stunden lang schwimme ich von einer Bucht zur anderen. Ich bin wieder absolut fasziniert von dieser Welt. Irgendwie kann ich mich nicht satt sehen. Und meinem Titel „Glückskind“ werde ich auch wieder gerecht. Eine Schildkröte kreuzt meinen Weg. Ich darf ein paar Minuten lang sogar gemeinsam mit ihr schwimmen. Irgendwann hängt sie mich dann doch ab. Hat wohl ein Date mit den Wasserläusen.

Ich lasse meinen letzten Abend sehr gemütlich ausklingen. Nach dem Essen setze ich mich an den Strand, lehne mich an einen Felsen und tue… nichts (ok erwischt… ich schreibe diesen Beitrag… aber ein bisschen Nichts-Tun ist auch noch dabei).

Diese Insel ist tatsächlich absolut wunderbar. Das Wasser ist glasklar, die Stimmung sehr entspannt. Dennoch merke ich, dass ich die Tage nicht mehr zu Hundert Prozent genießen kann. Mit einem Fuß bin ich irgendwie schon in der Heimat. Ich habe weniger Lust darauf mit anderen Reisenden zu sprechen, beginne damit ein paar Dinge auszusortieren (meine Decke, eine Hose und ein Buch dürfen auf der Insel bleiben). Irgendwie schade, vermutlich aber ganz normal… Tick Tack… die Zeit läuft. Und jetzt? Ab nach Thailand. Two nights in Bangkok make a hard woman…

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