#35: The Jungle Book – Über ein Glückskind.

Kuching / Malaysia.

So. Gibt es in Kuching auch etwas anderes als Katzen? Ja. Affen. Aber die müssen noch ein wenig auf mich warten. Am zweiten Tag leihe ich mir endlich einmal wieder einen Roller, hatte eh schon richtig Entzugserscheinungen… Ich besuche als erstes die Sarawak Cultural Village. Meinen Recherchen zufolge handelt es sich um eine Art Freilichtmuseum. So etwas kann ziemlich nett sein (zum Beispiel Skansen in Stockholm oder Stübing in der Nähe von Graz). So etwas kann aber schnell auch recht kitschig und touristisch werden. Das hiesige Museum liegt meiner Meinung nach irgendwo dazwischen. Bei meiner Ankunft werde ich sofort in eine Tanzaufführung geschubst. Gar nicht mein Fall. Aber der Raum ist angenehm kühl, die Sitze bequem. Und so lasse ich die Folklore-Show über mich ergehen. Mit dem Rest habe ich wohl einfach ein wenig Pech: das Museum wird gerade renoviert. Somit knattern an einigen Stellen Bagger, nicht alle Wege sind passierbar. Eigentlich sollte man in den verschiedenen Häusern Menschen bei traditionellen Arbeiten beobachten können. Es ist jedoch Mittagszeit, die meisten Statisten sind gerade in der wohl verdienten Pause. Ich spaziere also einfach ein wenig im Gelände umher, mache ein paar Fotos und verlasse die Village nach insgesamt einer Stunde auch schon wieder.

Über einen kurzen Spaziergang erreiche ich einen Strand. Er lädt eigentlich nicht wirklich zum Verweilen ein. Da ich aber wieder einmal ziemlich müde bin, schnappe ich mir ein Eis, setze mich an die winzige Promenade und höre ein wenig Musik. Irgendwie bin ich total lustlos. Gleich ins Hostel retour möchte ich aber dann doch auch nicht. Also setze ich mich wieder auf den Roller und steuere einen Strand an, der in der Unterkunft empfohlen wurde. Wirklich aufgelegt bin ich nicht. Vor allem weil ich weiß, dass der Strand zu einem Hotel gehört. Da dieser Fleck aber offenbar ganz in der Nähe ist und ich irgendwie auch keine tollen Alternativen in Petto habe, schau ich mir das Ganze mal an.

Um 2 Euro darf man als Nicht-Hotel-Gast die Schranken passieren und die Anlage durchqueren. Ich ahne Böses. Das Hotel scheint ziemlich groß zu sein. Ergo erwarte ich einen Strand, bei dem die Menschen wie Sardinen nebeneinander liegen. Dementsprechend überrascht bin ich als ich den ersten Blick erhasche. Gähnende Leere. Ich bin der einzige Mensch weit und breit. Und das obwohl der Strand richtig nett ist. Ich breite mein kleines Handtuch unter ein paar Bäumen aus… und schlafe sofort ein. Offenbar war das genau die richtige Entscheidung. Ich wache erst auf, als die Sonne meine kleine Höhle durchdringt. Nach dem wohltuenden Schläfchen möchte ich mich im kühlen Nass erfrischen. Der Plan geht jedoch nicht auf. Nass ist es, kühl nicht. Das Wasser hat ziemlich genau die selbe Temperatur wie die Luft. Große Badewanne quasi.

Am späteren Nachmittag trete ich den Rückweg nach Kuching an. Ich möchte wirklich früh ins Bett. Schließlich habe ich ein Date am nächsten Tag…

*****

Mit dem Roller geht es zum rund 20 km entfernten Semenggoh Wildlife Centre. Mein Date: 32 Orang-Utans. Es ist soweit. Die Kerlchen waren letztendlich der pelzige Grund hierher zu kommen. So, jetzt ist das ganze kein Zoo. Zum Glück nicht. Es handelt sich um eine Art Rehabilitationszentrum für Affen, die einst aus Gefangenschaft gerettet und hier wieder ausgewildert wurden. Zweimal am Tag werden die Primaten jedoch nach wie vor weiter mit Futter versorgt. Warum? Der Grund ist banal und gleichzeitig traurig. Der Regenwald, in dem die Tiere ihre neue Heimat finden, bietet schlichtweg nicht genug Nahrung. Es gibt keine Garantie die Tiere tatsächlich zu sehen. Wenn es im Wald ausreichend Futter gibt, erscheinen sie nicht immer zum Festschmaus.

Ich komme pünktlich im Nationalpark an, stelle meinen Roller am Parkplatz ab und spaziere Richtung Futterstelle. Ein Ranger kommt mir entgegen. Wir begrüßen uns und gehen aneinander vorbei. Von hinten sagt er ganz beiläufig „Ah, there is an Orang-Utan. Down there in the Tree.“ Ich antworte mit der einzig adäquaten Reaktion. Nämlich mit einem langgezogenem „Whaaaaat?!“.

Voller Vorfreude marschiere ich weiter. Und da ist er tatsächlich. Ein Pärchen hat das Tier auch bereits entdeckt und schießt ein paar Fotos. Ich warte ein wenig mit den Bildern, will den Moment einfach genießen. Es ist wirklich unglaublich. Orang-Utans sieht man sonst nur im Zoo. Und hier sitzt nun einer in einer Entfernung von rund zwei Metern vor mir. Ohne Scheibe. Ohne Gitter. Gänsehaut. Feuchte Augen. Ich bin ein Glückskind.

Nach und nach kommen immer mehr Besucher, bleiben stehen, fotografieren den Gesellen. Der Moment der stillen Begegnung ist vorüber. Ein Ranger bittet die Gruppe sich langsam Richtung Futterstelle zu begeben. Wir spazieren auf einem schmalen Pfad tiefer in den Wald. Nach rund 10 Minuten erreichen wir eine Plattform. Und tatsächlich hängen fünf flauschige Primaten in den Bäumen und warten auf ihr Frühstück.

Ich bin absolut positiv überrascht. Die Fütterung ist keine Show für die Touristen. Eigentlich bekomme ich nicht einmal wirklich mit, dass der Ranger ihnen etwas gibt. Er scheint ein paar Kokusnüsse zu werfen, die sich die Tiere dann holen. Breakfast to Go also. Ich bin absolut glücklich hier zu sein. Dies ist ein absolutes Highlight meiner langen Reise.

*****

Und da ich nicht genug von Affen kriegen kann, geht es am nächsten Tag gleich in einen weiteren Nationalpark, und zwar in die Heimat der nur auf Borneo lebenden Nasenaffen. Mit einem Grab-Taxi lasse ich mich zu einer Bootsanlegestelle bringen. Der Bako-Nationalpark ist nicht mit Auto oder Roller erreichbar sondern eben lediglich mit Booten.

Die 20 minütige Anreise führt über einen Zufluss direkt ins Meer. Plötzlich wird das Tempo reduziert. Delfine!! Der Fahrer meint, dass ich großes Glück habe (schon wieder). Die Tiere seien selten hier zu sehen. Die Fahrt hätte gern länger dauern können. Borneo scheint wirklich noch ein wahres Paradies zu sein. Die gesamte Küste ist dicht verwachsen, keine Resorts oder Anlagen zerstören die wunderbare Natur.

Wir gelangen an einen Sandstrand. Das Ziel ist erreicht. Über einen kleinen Fußweg durch den Regenwald erreiche ich das Camp. Ach ja, ich werde hier eine Nacht verbringen. Mein Zimmer (eigentlich mein Bett, es ist ein Hostel) wird erst um 14 Uhr fertig. Ich stelle also meinen Rucksack in einen Raum und packe zusammen, was ich für den Tag benötige. Und dann mache ich das, wofür ich gekommen bin. Wandern. Und Nasenaffen suchen.

Beim Empfang erhalte ich eine Karte inklusive ein paar Empfehlungen. Da die meisten Strecken relativ kurz sind, entscheide ich mich gleich zwei Treks zu machen: Paku Trail (3 km) und den Tajor Trail (7 km). Die nötige Zeit wird mit 7 Stunden bemessen. Never ever. Challenge accepted 😉

Vor dem Start trage ich mich noch in ein Buch ein. Sinnvollerweise wird geprüft ob auch alle Wanderer wieder retour kommen. Der Weg führt bereits nach ein paar Schritten tief in den Dschungel. Ich kann kaum in Worte fassen, wie schön es ist. Riesige Bäume säumen den Weg, der Pfad ist immer wieder von dichtem Wurzelgeflecht überzogen. Die Laute der verschiedensten Waldbewohner sind der optimale Soundtrack. Der Dschungel verlangt einem aber auch doch einiges ab. Spaziergang ist das keiner. Es ist richtig heiss, die Luftfeuchtigkeit erwartungsgemäß extrem hoch. Und der Weg läuft nicht etwa gemütlich und flach geradeaus. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Mein Körper gewöhnt sich aber schnell an die Bedingungen und ich finde einen perfekten Rhythmus. Keine Affen in Sicht.

Da es soviel zu bestaunen gibt, vergeht die Zeit wie im Flug. Schon bald stehe ich an meinem Ziel, einem einsamen kleinen Strand. Ich setze mich für ein paar Minuten, stärke mich mit Bananen-Keksen. Auf dem selben Weg geht es zurück zum Ausgangspunkt. Keine Affen in Sicht.

Der zweite Trail ist um einiges anspruchsvoller. Der Pfad beginnt bereits ziemlich steil, immer wieder muss ich auch die Hände einsetzen. Plötzlich verlasse ich den Wald, komme auf eine Art Plateau. Der Weg führt eine Weile über Bretter und sandige Pisten, bevor es wieder in den Wald geht. Ich komme zu einem wunderschönen Wasserfall, eher ein kleiner Teich. Idylle pur. Apropos Idylle. Ich sehe zwar keine Affen, aber auch kaum Menschen. Absolut traumhaft.

Auch dieser Weg führt mich letztendlich zu einem Strand. Das letzte Stück hat es richtig in sich. Der Weg wird extrem steil, stellenweise sehr rutschig. Zeit für die nächste Keks-Pause. Ich genieße die Ruhe für eine Weile, starre einfach nur ins Meer hinaus.

Tja, wer runter steigt muss auch wieder hoch. Wieder geht es auf dem selben Pfad retour zum Ausgangspunkt. Keine Affen in Sicht. Irgendwie habe ich generell kaum Tiere gesehen. Kann man nichts machen. So ist sie halt die Natur. Unberechenbar und unplanbar.

Nach vier Stunden komme ich wieder bei der Unterkunft an (sieben Stunden… pffff…:-)). Mein Bettchen ist bereit. Dies ist mit Abstand die schlechteste Unterkunft meiner gesamten Reise. Vier Betten stehen ganz eng beisammen. Der Geruch ist… nennen wir es betörend (haben sich die Affen vielleicht hier versteckt…?!) Aber egal, es ist nur für eine Nacht und ich bin nicht wegen der tollen Unterkunft hier. Offenbar ist die Wanderung doch fordernder als gedacht. Ich will mich kurz ausruhen und lege mich aufs Bett. Und schlafe – trotz Geruch und Hitze – zwei Stunden lang.

Als ich aus dem Koma erwache, beschließe ich mich an den Strand zu setzen und diesen Beitrag zu schreiben. Ganz vertieft in mein Handy bemerke ich erst gar nicht was sich neben mir tut. Ein paar Besucher stehen vor einem Baum, alle richten die Kamera in die Höhe. Es dauert ein wenig bis mir klar wird, was los ist. Aaaaffeeeeeen!!!! Und tatsächlich, eine Gruppe Nasenaffen ist offenbar zum Dinner gekommen. Es raschelt überall in den Bäumen. Ich geselle mich zu den anderen und beobachte die Tiere eine Weile. Einer der Guides spricht mich an und sagt „You are very lucky“. Die Kerlchen kommen anscheinend nur sehr selten direkt hierher. Er meint noch, dass er das in 15 Jahren erst dreimal erlebt hat. Es ist also offiziell. Karin ist ein Glückskind. Ich weiß es zu schätzen…

Eigentlich könnte ich also hoch zufrieden ins Bett gehen. Noch nicht. Es gibt die Möglichkeit an einer geführten Nachtwanderung teilzunehmen. Und das wird natürlich gemacht. Um 20 Uhr geht es los. Alle 17 Teilnehmer sind mit Taschenlampen bewaffnet. Vier Guides begleiten uns. Wir sehen vor allem allerhand Krabbelgetier (Spinnen, Skorpione, Kakerlaken, Frösche, Heuschrecken usw.), aber auch Fische und eine Schildkröte. Ok, offenbar lebt da doch so einiges in diesem Wald. Man muss halt wissen wo man danach suchen muss… Zu gern würde ich meinen Vordermann mit einem Grashalm kitzeln oder einen Satz sagen wie „Ähmmm, du hast da was am Hinterkopf sitzen…“. Aber ich beherrsche mich.

Ich bin ein wenig traurig darüber Borneo nach so kurzer Zeit wieder verlassen zu müssen. Die Insel ist ein wahres Paradies. Ich habe nur einen winzigen Ausschnitt dieser Welt gesehen. Aber da ich ja wohl ein Glückskind bin, wird mich mein Weg bestimmt eines Tages wieder hierher führen.

2 Gedanken zu „#35: The Jungle Book – Über ein Glückskind.“

  1. Hört sich ziemlich cool an 🦍🐒

    Hast du dich eigentlich entsprechend daheim impfen lassen? Wenn ich das so lese mit Dschungel, Spinnen usw. 😖

    Uuuuuund weil ich es ja jetzt doch schon ein paar Mal gelesen hab, was unterscheidet ein Grab-Taxi von einem normalen? 🙃

    Liken

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