#26: Yoga Heaven, Scooter Hell – Über Anspannung und Entspannung.

Jeder Yogi muss offenbar einmal auf Bali gewesen sein. Idealerweise in der Stadt Ubud – dem kulturellen und spirituellen Mekka der Insel. In den letzten Wochen und Monaten höre ich völlig kontroverse Meinungen über Bali. Wieder einmal scheint es das Motto „man liebt es oder man hasst es“ zu geben. Dass diese Destination längst kein Insider Tipp mehr ist liegt auf der Hand. Viele berichten von überlaufenen Stränden, starker Verschmutzung und extrem lästigen Verkäufern. Andere schwärmen von magischen Landschaften, wunderschönen Tempeln und tollen Yoga Erfahrungen.

Ich möchte mir wie immer selbst ein Bild machen. Tipps und Erfahrungen sind natürlich immer gut und oft eine große Hilfe. Letztendlich hängt die individuelle Bewertung jedoch immer von unglaublich vielen Faktoren ab (mit wem war man dort, wie war das Wetter, wie war die Unterkunft, wie war man drauf,…).

Da ich noch keine Lust auf Strand und Meer habe, beschließe ich zuerst gleich nach Ubud im Landesinneren zu reisen. Schon bei meiner Ankunft in dieser Stadt sehe ich mit eigenen Augen, dass dies kein romantisches Dörfchen mehr ist (wie man es aus dem Film Eat Pray Love kennt). Der Verkehr ist dicht, die Anzahl an Restaurants und Läden ebenso. Dementsprechend ist die Lautstärke auf den schmalen Straßen. Wieder habe ich Glück mit meiner Unterkunft. Meine kleine Hütte befindet sich zwar Mitten im Zentrum, liegt aber in einem Hinterhof. Eine richtige Oase. Entspannung.

Da es bereits Abend ist, ziehe ich sofort nach dem Auspacken (eine Wohltat nach vielen Nächten in Hostels) los und setze mich in eines der vielen Lokale. Das kulinarische Angebot ist hervorragend. Überall liest man Veggie, Vegan, Raw, Organic… ein Paradies – nicht nur für Menschen, die auf Fleisch verzichten.

Am nächsten Morgen mache ich mich zu Fuß auf den Weg zum „Ridge Walk“. Eine Art Höhenweg, entlang an Reisfeldern und Regenwald. Schon nach ein paar Minuten weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war nach Bali zu kommen. In den Ländern, die ich bisher bereist habe, herrscht momentan Trockenzeit. Karge Landschaften und extreme Hitze waren meine Reisebegleiter. Und nun: absolutes Kontrastprogramm. Alles strahlt in einem satten und saftigen Grün, wie ich es noch nie gesehen habe. Fast am Ende des Pfades liegt ein wunderschönes Café. In der Mitte des kleinen Gartens plätschert ein Teich mit Seerosen, man sitzt auf kleinen Stegen am Wasser. Und weil es mir so gut gefällt, bleibe ich gleich für zwei Stunden hier. Entspannung.

Nächstes Ziel: „Monkey Forest Sanctuary“. Ebenfalls in Fußnähe. Der Name ist Programm. In diesem Wald leben mehrere Hundert Affen (Makaken um genau zu sein). Das Areal gehört den Tieren, Besucher müssen sich fügen. Da Affen wie Menschen manchmal ein wenig unberechenbar sind, gilt es gewisse Regeln zu befolgen: alles was gemopst werden könnte muss sicher verstaut werden, nicht Füttern, nicht Streicheln, kein Augenkontakt. Zudem gibt es Informationen für das Verhalten im Falle eines Bisses. Und tatsächlich sind die Affen extrem zutraulich, kommen sehr nahe heran, springen teilweise auf die Rucksäcke der Touristen. Es könnte schließlich irgendwo eine Banane versteckt sein…

Ich lasse den Tag mit einer großartigen Yoga-Einheit ausklingen. Das Angebot ist unglaublich: 12 Klassen pro Tag, eine noch nie gesehene Vielfalt an verschiedenen Stilen, das Areal der Schule einfach wunderschön. Entspannung.

Am nächsten Tag mache ich mich auf ins Umland – genau, mit einem Roller. Ich steuere als erstes die berühmten Tegelalang Reisterrassen an. Und bin offenbar nicht die einzige mit diesem Plan. Hunderte Roller stehen bereits vor dem Eingang. Dank einiger Blog-Berichte bin ich vorgewarnt. Wer ein idyllisches Reisfeld mitten im Nirgendwo erwartet, wird schwer enttäuscht sein. In einer Horde anderer Touristen steigt man die Treppen hinab. Ich bin anfangs extrem genervt. Es ist laut. Überall posiert jemand für ein Reisfeld-Foto (teilweise scheinen sich die Touris sogar extra besonders aufgebrezelt zu haben). Anspannung.

Ich gebe irgendwann meine Kopfhörer hinein, um dem Trubel zumindest ein wenig entfliehen zu können. Zum Glück ist das Areal sehr groß, die Massen verlaufen sich rasch. Ich finde sogar ein netten kleinen Saftstand, bei dem nur 2 andere Leute sitzen. Nun kann auch ich die Aussicht genießen. Entspannung.

Nach diesem Natur-Sight ist es mal wieder an der Zeit für ein paar Tempel. Gunung Kawi und Pura Tira Empul stehen auf dem Speiseplan. Ich bin skeptisch. Hatte ich nicht schon genug Tempel? Ja, im Grunde schon. Aber es lohnt sich. Diese Konstruktionen sind doch wieder etwas spezieller. Ich weiß leider nicht mehr welcher Tempel welcher war (und ich denke es ist euch nicht wichtig). Beim einem steigt man rund 300 Stufen nach unten (und natürlich folglich wieder nach oben) und kann Höhlen-Tempel bestaunen. Beim anderen kann man an einem besonderen Reinigungs-Ritual teilnehmen, bei dem die Gläubigen gemeinsam in ein Wasserbecken steigen. Neben den vielen Einheimischen stehen auch zahlreiche Touristen im Wasser. Ich finde es ein wenig schräg und auch unpassend. Aus meiner Sicht sollte das den „echten“ Gläubigen vorbehalten sein (und Leute die das nur für ein gutes Foto machen – denn so wirkt es – ausschließen).

Einen letzten Tempel habe ich noch auf meiner Liste: Pura Besakih. Es handelt sich um den wichtigsten Tempel auf Bali. Den sollte man dann wohl gesehen haben. Die Stätte liegt 35 km entfernt. Das ist schon eine Strecke, aber – wie ihr wisst – ich fahre ja gerne. Wie immer gebe ich mein Ziel in meine App MapsMe ein, auf die bisher immer Verlass ist… bisher. Das System glaubt heute leider offenbar, dass ich Gefallen daran finden könnte, ausschließlich über kleine (teilweise sehr holprige) Seitenstraßen zu fahren. Extrem mühsam sag ich nur. Aus einer 40 Minuten Fahrt werden rund 2 Stunden. Anspannung.

Beim Parkplatz zum Tempel angekommen stürzen sich gleich drei Verkäuferinnen auf mich. Na, das hab ich schon gern. Sie meinen, dass ich bei ihnen einen Sarong (Tuch das man sich bei den Tempeln um die Hüften binden muss) kaufen oder mieten muss. Ich finde dies sehr ungewöhnlich… normalerweise kann man sich die Stoffe immer gratis leihen. Wohl aufgrund meiner Erschöpfung nach der langen Fahrt gebe ich ihnen 50.000 Rupien um einen Sarong zu mieten. Nach einer Minute schießt mir in den Kopf, dass das extrem viel Geld ist (nämlich 3 Euro, und glaubt mir: das ist hier viel). Ich verlange mein Geld zurück, was ihnen natürlich überhaupt nicht gefällt. Anspannung.

Und siehe da: beim Eingang gibt es im Eintrittspreis von 60.000 Rupien (€ 3.70) einen Sarong und einen eigenen Führer obendrein. Somit bin ich einer ziemlich dreisten Abzocke gerade noch entgangen. Die Führung ist sehr interessant, der Ausblick atemberaubend. Ich nutze die Gelegenheit meinen Guide über alles mögliche auszufragen (zB. Wie oft er betet – 2 mal täglich).

Nach rund einer guten Stunde im Tempel trete ich den Rückweg an (natürlich nicht ohne den Damen beim Parkplatz meine finstersten Blicke zuzuwerfen… sie scheinen daran gewöhnt und reagieren nicht). Ich gehe irgendwie schon davon aus, dass mich mein Navigationssystem wieder über Seitenstraßen führen wird. Wenn ich jedoch gewusst hätte, was da auf mich zukommt, wäre ich im Tempel geblieben…

Liebe Mama, ich weiß du bist eine treue Leserin. Musst du ja sein als Mutter :-). Es wäre aber gut, wenn du an dieser Stelle nicht weiter liest… Danke!

Ja, wie gesagt. Zuerst befinde ich mich auf kleineren Nebenstraßen. Immer wieder stehen Häuser an der Fahrbahn, immer wieder ewig lang nur Natur pur. Eigentlich ist es hier wunderschön. Ich versuche mal wieder das Positive zu sehen (was mir heute sehr schwer fällt) und halte immer wieder für Fotos an. Die Straße wird immer enger, Asphalt gibt es schon lange keinen mehr. In der Erwartung dass es sich nur um einen kurzen schlechten Abschnitt handelt, setze ich meine Fahrt fort. Langsam natürlich. Anspannung.

So Mama, jetzt raus hier…

Der Weg wird steiler und steiler. Die Kieselsteinchen sind mittlerweile ausgewachsene Brocken. Ganz ehrlich: niemand würde in Österreich ein solches Terrain mit einem Roller befahren. Da ich aber immer wieder andere Gefährte an Bäume gelehnt sehe, bin ich wohl nicht die erste und einzige Verrückte. Zuhause würde ich bei der Strecke sogar teilweise von meinem Mountainbike absteigen und schieben. Die Vespa-Fahrer hier wissen wovon ich rede. Es ist rutschig, ständig zieht es einen hin und her, man muss die Füße einsetzen, alle Unebenheiten ausbalancieren… ich habe zum ersten Mal auf meiner Reise ein absolut ungutes Gefühl. Die Abfahrt geht so steil nach unten, dass ein Umkehren an dieser Stelle keine Option mehr ist. Anspannung. Anspannung. Anspannung.

Augen zu und durch. Atmen. Irgendwann stehen tatsächlich 4 Herren auf dem Weg und arbeiten gerade an etwas (ich hatte den Kopf nicht frei für Details). Einer der Typen versteht Englisch. Völlig dem Blondinen-Klischee entsprechend erkläre ich die Situation („Aber mein Navi hat gesagt …“). Überraschenderweise ist der Kerl nicht beeindruckt und zeigt auf den Weg. Ich solle also einfach weiter fahren. Naja, die sind das offenbar gewöhnt. Nach weiteren 10 Minuten auf dieser schrecklichen Piste geht der Weg zum Glück wieder in eine schmale Asphaltstraße über. Leichte Entspannung.

Da ich nach dieser Aufregung ziemlich erschöpft bin wähle ich eine Yoga Nidra Einheit aus. Es handelt sich dabei um eine Art Tiefenentspannung. Nidra bedeutet Schlaf. Tja, und so geschieht es, dass ich nach 2 Minuten im Land der Träume bin. Was auch immer da passiert in meinem Unterbewusstsein, es geschieht etwas. Ich wache völlig gelöst und relaxed auf, meine Gliedmaßen fühlen sich ganz schwer an. Wie in Trance marschiere ich in meine Hütte zurück. Und schlafe recht bald wieder ein. Entspannung. Entspannung. Entspannung.

Und das ist gut so, denn am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 1.45 Uhr. Richtig gelesen. Warum? Es ist Sunrise Time. Diesmal geht es auf den Mount Batur. Viele Leute beschrieben es als das absolute Highlight ihrer Bali Reise. Na wenn das so ist, schauen wir es uns halt an. Nach rund einer Stunde Anfahrt gibt es ein Frühstück (Bananen Pancake). Danach wandern wir in völliger Dunkelheit zwei Stunden lang nach oben. Das mit dem Highlight haben offenbar viele Touristen gehört, unfassbar wie viele Menschen sich den Weg nach oben bahnen. Eigentlich schaut es ja ganz magisch aus. In der Nacht sieht man nur die Lichter der Taschenlampen, die sich wie eine Kette nach oben windet. Das Problem ist eher die Lautstärke. Wenn hunderte Menschen auch nur leise sprechen, herrscht gleich ein gewisser Geräuschpegel. Der Sonnenaufgang ist absolut wunderbar, steht aber – vor allem aufgrund der Völkerwanderung- nicht auf der Liste meiner Highlights.

Um auf Anstrengung wieder Entspannung folgen zu lassen, finde ich mich am Nachmittag erneut in einer Yoga Klasse ein.

Fazit zu Ubut:

Das Negative zuerst…

Die Stadt ist groß und laut, der Verkehr dicht. Nirgendwo habe ich öfter das Wort „Taxiiiii?“ gehört. Das kann schon mal nervig sein. Ubud ist absolut touristisch, der größte Schandfleck ist meiner Meinung nach eine Starbucks Filiale (absolut unnötig da es wunderbare kleine Cafés gibt).

Und nun das Positive:

Es gibt viele süße kleine Läden sowie eine unglaubliche Dichte an wunderbaren Lokalen, die total auf Vegetarier und Veganer ausgerichtet sind. Das Umland ist wunderschön, die wichtigsten Ziele sind sehr schnell erreicht. Wirklich ein Highlight ist das Angebot an Yoga-Möglichkeiten. Die Schulen sind wahre Oasen, das Angebot unfassbar groß und vielfältig.

Wenn man auf Bali ist, sollte man Ubud definitiv einen Besuch abstatten. Man muss sich halt darauf einstellen, dass man nicht der einzige Tourist sein wird. Dann klappt das schon mit der Entspannung.

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