#23: To Fly or not to Fly – Über Flexibilität und Entscheidungen.

Yangon / Myanmar.

Wir schreiben den 29. April 2019. Mein letzter Abend in Myanmar ist angebrochen. Ich liege in meinem Hostel-Bett als mir einfällt, dass ich eigentlich noch für meinen Flug nach Kuala Lumpur einchecken könnte. Ich rufe die Seite auf, gebe meine Daten ein. Klappt nicht. Merkwürdig. Ich gehe also auf die Website des Airports, um den Status zu prüfen. Ups. Der Flug wurde gestrichen. Das ist neu. Ich hatte ja schon so einige Flüge im Rahmen meiner Reise (Wien-Istanbul, Istanbul-Goa, Goa-Delhi, Kathmandu-Bangkok, Bangkok-Siem Reap, Phnom Penh-Luang Prabang, Chiang Mai-Mandalay). Bisher hat alles wie am Schnürchen geklappt.

Ich versuche also als erstes meinen Anbieter, über den ich den Flug gebucht habe, zu kontaktieren. Ein Chat ist leider nicht verfügbar, ich muss also dort anrufen. Da ich meine Bett-Nachbarin nicht stören möchte, verlasse ich das Zimmer und setze mich vor dem Hostel auf den Gehsteig (wo mir eine Kakerlake Gesellschaft leistet). Ich denke jeder von uns hat so seine Erfahrungen mit diversen Service-Hotlines. Die meisten davon sind vermutlich eher … nennen wir es unzufrieden stellend. Und so ergeht es auch mir an diesem Abend. Die Erreichbarkeit der Hotline ist auf eine Zeit von 8 bis 17 Uhr beschränkt. Aufgrund der Zeitverschiebung (die Firma sitzt in Deutschland) rufe ich also außerhalb dieses Fensters an. Es soll wohl einen 24 Stunden Service auf Englisch geben, zu diesem komme ich aber nie durch. An die Telefonrechnung möchte ich noch gar nicht denken…

Es hat keinen Sinn mehr. Ich lege mich also wieder ins Bett und fasse den Entschluss, mich am nächsten Tag gleich in der Früh zum Flughafen aufzumachen. Meist lassen sich Probleme dieser Art bekanntlich besser von Angesicht zu Angesicht lösen als über das Telefon. Auf jeden Fall stelle ich mich gleich mal auf einen laaaangen Tag am Flughafen ein. Wer meine Malta-Story kennt weiß, dass ich da bereits so meine Erfahrungen habe. Wer sie nicht kennt: ich habe quasi 2 Tage lang am Flughafen Wien-Schwechat „gelebt“ um mit 25 Stunden Verspätung am Ziel anzukommen (Kerstin, habe ich dir eigentlich jemals gesagt wie froh ich war, dass du meine Begleitung warst? Mit kaum jemand anderem wäre ein solches Erlebnis in die Kategorie „lustig“ gefallen…und Gin-haltige Getränke sind natürlich auch hilfreich in so einer Lage…).

Ich stelle den Wecker also auf 7 Uhr, packe meinen Rucksack und bin bereit das Hostel zu verlassen. Doch… es fehlt etwas… nein, diesmal ist es (zum Glück) nicht die Bankomatkarte. Ich kann den Schlüssel zu meinem Zimmer nicht finden. Ich weiß, dass ich ihn in der Nacht mit ins Gemeinschaftsbad genommen habe. Er muss also hier irgendwo sein. Wieder und wieder durchsuche ich all meine Taschen, schaue in jedem Beutel nach, inspiziere sogar den Spalt zwischen Matratze und Bett mit der Taschenlampe. Nichts. Mit gesenktem Kopf und meinem treuesten Hundeblick stehe ich vor der Rezeptionistin. Ich gehe davon aus, dass ich nun eben eine Strafe zahlen muss. Da ich weiß, was es in Österreich kostet einen Schlüssel nachzumachen, bin ich auf Einiges vorbereitet. Aber nicht auf alles. Mir werden sage und schreibe 2 USD verrechnet, 1.78 Euro. Puh. Das kann ich mir gerade noch leisten.

Nachdem die erste Herausforderung des Tages erfolgreich bewältigt werden konnte, kann ich mich der nächsten Hürde stellen. Am Flughafen angekommen, checke ich nochmals die digitale Anzeige-Tafel. Nichts. Der Flug wurde tatsächlich gestrichen. Ich begebe mich also zum Informationsschalter. Die Dame spricht zum Glück sehr gut Englisch, was in solchen Situationen natürlich ein Segen ist. Sie tippt etwas in ihren Computer ein, blickt erneut auf meine Reservierung. Dann zeigt sie mit dem Finger auf das Blatt und sieht mich ein wenig hilflos an. „Your Flight is not today …“. Wie bitte?! Was soll das heißen?! Oh nein… das darf doch nicht wahr sein…

Bereits in einem früheren Eintrag habe ich geschildert, dass mein Gehirn offenbar vollständig im Urlaubsmodus ist. Ich weiß nie welcher Tag gerade ist, schon gar nicht kenne ich das aktuelle Datum. Tja, und so ist es offenbar passiert, dass ich anstelle eines Flugs für den 30. April einen für 30. Mai gebucht habe…

Ich glaube die Damen sind ein wenig überrascht über meine Reaktion. Ich lege meinen Kopf auf meine Hände am Tresen und fange lautstark zu lachen an. Es dauert ein wenig bis ich mich wieder beruhigt habe und mit ihnen das weitere Vorgehen besprechen kann. Es gibt erstmal gute Nachrichten. Meine Fluggesellschaft hat ein Büro am Airport. Echter Mensch statt Hotline-Stimme also. Es handelt sich jedoch nicht um einen Schalter in der Halle, das Büro befindet sich im Keller. Ich muss also erst zu einem Security-Menschen, der mir unter Vorlage meines Passes einen Visitor-Ausweis ausstellt, der mich dazu berechtigt die Katakomben zu betreten.

Zum Glück steht gerade ein Beamter neben mir, der ohnehin den selben Weg hat. Ansonsten würde ich vermutlich nach wie vor im Keller-Labyrinth herum irren. Ich erkläre einer sehr netten Dame von Malindo Airlines das (zugegeben ziemlich peinliche) Problem. Sie wirkt recht entspannt, spricht sofort von einer Umbuchung. Cool. Der ursprüngliche Flug wäre um 12.30 Uhr gewesen, der nächste geht um Mitternacht. Naja… wie gesagt… auf ein langes Warten war ich ja vorbereitet. Nicht wirklich eingestellt hingegen bin ich auf den Preis, der mir für die Umbuchung genannt wird: 270 USD sind fällig… wow… als Hintergrund: der ursprüngliche Flug hat 80 USD gekostet. Das steht also definitiv in keiner Relation.

Die Dame ist noch so nett und empfiehlt mit zwei Fluggesellschaften, die ebenfalls meine gewünschte Destination ansteuern. Ich tausche den Ausweis wieder gegen meinen Pass und steuere die erste Company an. Der Flug wäre zwar bereits um 19 Uhr, der Preis ist jedoch derselbe. In der Halle entdecke ich ein Ticket-Büro. Einen Versuch ist es wert. Ergebnis dasselbe. Tja, das mit den günstigen Ultra-Last-Minute-Flügen ist offenbar ein Märchen aus der Vergangenheit. Jemand der am selben Tag fliegen möchte, hat es meist eilig und ist bereit dafür zu bezahlen.

Nun bin ich ja im Grunde flexibel. Es wartet niemand in Kuala Lumpur auf mich, ich habe keine Termine, keine Verpflichtungen. Somit lasse ich mir gleich noch einen Flug nach Singapur aus dem System suchen. Die Abflugzeit mit 16 Uhr klingt gut, der Preis in Höhe von 260 USD eher weniger.

Wieder ersuche ich um Bedenkzeit und setze mich erstmal im Freien auf den Boden. Vielleicht ist es einfach noch nicht an der Zeit Myanmar zu verlassen?! Gibt es vielleicht in diesem Land noch ein Abenteuer für mich?! Ich schlage meinen Reiseführer auf und prüfe meine Optionen. In der Hauptstadt Yangon will ich auf keinen Fall bleiben. Dies ist eigentlich der erste Ort auf meiner Reise, dem ich so absolut gar nichts abgewinnen kann. Die Reise muss also noch heute weiter gehen. Plötzlich erinnere ich mich, dass Myanmar wohl auch reizvolle Strände im Angebot hat. Und tatsächlich: die Fotos vom Ngapali Beach schauen wunderschön aus. Und, es gibt sogar einen Flughafen. Und, im Internet werden Flüge für den 30. April (ja, nicht Mai) angeboten. Ich bin von einer Sekunde auf die andere total begeistert von dieser Idee, habe richtig Lust darauf, ein paar erholsame Tage am Meer zu verbringen.

Bevor ich jedoch online buche, gehe ich zurück zum Ticket-Schalter um die Damen nach einem Angebot zu fragen. Nein. Flüge erst übermorgen. Aha? Vielleicht gibt es spezielle Online-Kontingente?! Ich ziehe also wieder von Dannen um eigenständig einen Flug zu organisieren. Ohne Erfolg, die Buchung kann nicht abgeschlossen werden.

Gut. Man muss diesen Strand ja auch auf dem Landweg erreichen können. Also wieder zurück zum Ticket-Schalter. Nein, auch Bus gibt es heute keinen mehr. Und wieder gehe ich unverrichteter Dinge. Wieder setze ich mich irgendwo auf den Boden.

Entscheidungen. Entscheidungen. In meinem Kopf dreht sich langsam alles. Destinationen, Preise, Flugzeiten… Ich recherchiere noch ein wenig im Internet, Komme auf die wildesten Ideen (Australien soll ja auch sooo toll sein…). Irgendwann schaltet sich Planungs-Karin ein. Sie nimmt Blatt und Stift zur Hand um super strukturiert alle Optionen zu skizzieren. Nach Abwägen aller Vor- und Nachteile fällt die Entscheidung: Singapur – ich komme.

Also mache ich mich zum vierten Mal auf den Weg zum Ticket-Schalter um nun endlich auch eine Buchung zu tätigen. Zufrieden setze ich mich erstmal in ein Café um eine Kleinigkeit zu essen. Und es gibt ja auch noch ein paar Todos: Flug am 30. Mai stornieren (oder möchte jemand an diesem Tag von Yangon nach Kuala Lumpur reisen?! 😂), Hostel in Malaysia stornieren, Hostel in Singapur buchen.

Da mittlerweile auch in Deutschland der neue Werktag angebrochen ist, kann ich einen neuen Versuch starten, jemanden in der Hotline zu erreichen. Es geht schneller als erwartet. Nachdem ich ein paar Zahlen eingetippt habe, spreche ich auch schon mit einer realen Stimme. Umsonst, wie sich herausstellt. Der Anbieter kann meine Stornierung nicht vornehmen. Dies müsse ich selbst bei Malindo Air erledigen. Naja. Ich habe ja mittlerweile Connections.

Also tausche ich wieder meinen Pass gegen den Ausweis, fahre wieder in den Keller, stehe wieder im kleinen fensterlosen Büro. Die Dame erkennt mich gleich und strahlt mich an. Leider kann auch sie mir nicht helfen. Ich müsse eine E-Mail an den Kundenservice senden. Gut, werde ich auch noch schaffen.

Wie immer zeigt sich, dass auf Reisen einfach nicht alles planbar ist (naja… im Grunde nicht nur auf Reisen…). Immer wieder gibt es Ereignisse, die man einfach nicht vorhersehen kann. Sei es weil man selbst einen Fehler gemacht hat oder weil eine höhere Gewalt das Vorhaben verhindert. Es ist wie es ist. Es gilt das Beste daraus zu machen.

Persönlich bin ich ein wenig stolz auf mich. Keine einzige Sekunde habe ich mich geärgert. Nicht über die Fluggesellschaft, die (vermeintlich) den Flug streicht. Nicht über die Hotline, die nicht wie angepriesen exzellenten Service bietet. Und nicht über mich selbst… und dazu hätte ich eigentlich allen Grund 🙂

Ich muss jedoch gestehen, dass ich richtig erleichtert bin, als ich dann um 16 Uhr schlussendlich in meinem Flugzeug in Richtung Singapur sitze. Genug Abenteuer für einen Tag. Tja, wie gesagt: es gibt Ereignisse, die man nicht planen und nicht verhindern kann… und so wartet bei meiner Ankunft am Airport bereits das nächste Abenteuer auf mich.

To be continued…

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