#22: Lake Break – Über inspirierende zwei- und vierbeinige Bekanntschaften.

Carpe Diem – Nutze den Tag. Genau das mache ich gleich nach meiner Ankunft am Inle-See. Um 5 Uhr morgens steige ich aus dem Nachtbus aus und gehe den kurzen Weg zum Hostel zu Fuß. Während der Mitarbeiter noch mit den Check-In-Formalitäten beschäftigt ist, durchstöbere ich die Flyer und Infos am Tresen. „Today: Sunrise Tour 5.30 am“. Na, warum eigentlich nicht? Jetzt bin ich schließlich schon wach. Ich putze mir also nur schnell die Zähne und stehe um Punkt halb 6 wieder beim Empfang.

Ich freu mich richtig auf diese Tour. Ich liebe Bootsfahrten, nutze auch auf Städtereisen stets jede Gelegenheit. Besonders freut es mich, dass ich nach einer Zeit ohne wirklichen Anschluss, den Tag mit zwei jungen Mädels (Zoe aus Dänemark, Carla aus der Schweiz) verbringen werde. Beide sprechen Deutsch. Man gewöhnt sich zwar wirklich daran dauernd ausschließlich auf Englisch zu plaudern, aber irgendwie ist es schon auch mal wieder fein sich in der Muttersprache unterhalten zu können.

Mit einem Longboat schippern wir zuerst durch einen Zufluss der nach ein paar Minuten in den See mündet. Rechtzeitig zum Sonnenaufgang. Hier werde ich für die entgangenen Freuden in Bagan mehr als entschädigt. Alles ist still und ruhig, die ersten Sonnenstrahlen spiegeln sich in den sanften Wellen. So soll das sein.

Unsere Tour umfasst die Besichtigung verschiedener Handwerksbetriebe. Wir halten an einer Silberschmiede (wo sich die Mädels mit neuen Ohrringen ausstatten), an einer Zigarren-Manufaktur (wo wir Bananen-Zigarren rauchen), an einer Weberei (wo wir sehen wie aus Lotus-Pflanzen Stoffe produziert werden wir uns aber nichts leisten können) und am Dorf der Long-Neck-Woman (wo wir über andere Traditionen und Schönheitsideale staunen).

Während unserer Bootsfahrt können wir traumhafte Aussichten erleben und Einblicke in das Dorfleben gewinnen. Und wir können ausgiebig plaudern. Trotz der Tatsache, dass ich vermutlich doppelt so alt bin wie die beiden Mädels verstehen wir uns richtig gut. Auf meiner Reise bin ich schon vielen sehr jungen Travellern begegnet. Viele gönnen sich ein Jahr Auszeit, bevor mit dem Studium ein neuer Abschnitt beginnt. Und immer wieder staune ich über den Mut und die Reife, die sie an den Tag legen. Oh Gott… ich höre mich gerade richtig alt an, oder?!

Wir verbringen noch einen gemütlichen Tag am Pool (mit Cocktails um 0.60 €) und gehen am Abend zusammen indisch essen. Nach einigen Wochen Abstinenz habe ich wieder einmal richtig Lust auf Palak Paneer (Spinat mit Frischkäse).

Der See ist natürlich das absolute Highlight dieser Region. Da ein zweiter Tag auf dem Wasser jedoch wenig reizvoll erscheint, beschließe ich das Umland zu erkunden. Nun ist die Lage in Myanmar leider so, dass es Touristen eigentlich untersagt ist einen Roller anzumieten (Mandalay ist eine Ausnahme). Naja… die beiden Mädels hatten aber auch einen… es geht also offenbar sehr wohl. Im Hostel erhalte ich einen Tipp für einen Laden, der seine Roller auch an Ausländer vermietet. Der Ort ist zwar nicht groß, er besteht jedoch aus einem Gewirr aus Gassen mit vielen kleinen Geschäften. Den empfohlenen Shop finde ich leider auch nach 90 minütiger Suche nicht. Da die Sache … sagen wir mal halb-legal ist, wird der Roller-Verleih natürlich nicht offiziell angepriesen. Und natürlich stehen vor jedem Laden unzählige Motorräder, sodass man nicht weiß ob diese einfach nur dort parken oder zur Vermietung gedacht sind.

Aber die Suche lohnt sich. Ich werde letztendlich fündig. Der Betreiber verlangt zuerst 22.000 Khat (ca. 12,90 Euro). Da ich durch die lange Sucherei viel Zeit vertrödelt habe ist es bereits Mittag. Ich bin also nicht bereit den Preis für den ganzen Tag zu bezahlen und schlage gütige 20.000 Khat vor (11,75 Euro). Er sieht mich etwas gequält an und unterbreitet mir ein vermeintliches Gegenangebot von 18.000 Khat (10,57 Euro). Ich willige glatt ein 🙂

Als erstes Ziel steuere ich den Ort In Dein an. Fahrzeit rund eine Stunde. Ich hätte mich ein wenig besser informieren sollen, denn außer ein paar Pagoden (und von denen hatte ich jetzt wirklich ausreichend) gibt es nichts. Also wieder retour.

Ich halte auf halber Strecke in einem kleinen Dorf. Im Hostel meinte man, dass man sich dort die lokale Tofu-Produktion ansehen kann. Warum eigentlich nicht, ich habe schließlich nichts Besseres vor. Ich folge einem Pfeil und stehe nach ein paar Minuten vor einem gewöhnlichen kleinen Familienhaus mit einer Tafel „Tofu House“. Eigentlich hab ich grad null Lust mir schon wieder irgendeine Manufaktur anzusehen. Es ist heiß, ich hab Hunger, müde bin ich auch. Als ich schon kehrt machen will, erscheint ein Mann, der sich als Zaw vorstellt. Er erklärt mir, was ich von der Tour erwarten könne. Richtig spannend finde ich es immer noch nicht, aber da Zaw dermaßen sympathisch ist, stelle ich meinen Roller ab und folge ihm.

Gute Entscheidung. Aus mehreren Gründen. Erstens: Die Führung ist richtig interessant. Man spaziert durch das Dorf, in dem in verschiedenen Häusern Produkte aus Kichererbsen hergestellt werden (hauptsächlich eben Tofu). Es ist also eine wunderbare Gelegenheit einen unverfälschten Eindruck vom Dorfleben zu bekommen.

Zweitens: als wir zurück zum Haus kommen hat die Frau von Zaw bereits eine Auswahl an Snacks für mich vorbereitet. Sie muss gedacht haben, dass es sich um eine Gruppe handelt, ich kann unmöglich alles alleine aufessen.

Drittens: Zaw ist unglaublich nett, seine Geschichte wirklich interessant. Bis vor kurzem hat er in einem Hotel als Kellner gearbeitet, bevor er sich dazu entschließt als Guide Touren durch sein Dorf anzubieten. Man merkt, dass alles noch in den Kinderschuhen steckt. So verlangt er nicht einmal Eintritt, sondern bietet die Tour auf Spendenbasis an. Er beklagt sich, dass er viel zu wenig Gäste hat und somit kaum von seinem Business leben kann. Und so plaudern wir eine Weile über Vermarktungsmöglichkeiten aller Art, vom klassischen Flyer bis zu Tripadvisor quasi.

Auch am folgenden Tag lerne ich eine Einheimische kennen, die den Mut hatte, in Myanmar in die Selbstständigkeit zu treten. Leider habe ich Ihren Namen vergessen, ich nenne sie also einfach Wendy (warum wird gleich klar). Ich treffe Wendy weil ich einen Ausritt in ihrem Reitstall gebucht habe. Bevor es los geht erzählt sie mir einiges über ihre Geschichte, über die Hürden, die sie auf dem Weg zur Erfüllung ihres Traums überwinden musste und über all die Ideen, die sie noch umsetzen möchte. Ihre Augen leuchten, als sie über ihre Visionen spricht. Inspiration pur.

Falls sich jemand fragt, ob die Karin reiten kann. Nein, kann sie nicht. Ich darf stolz auf zwei Ausritte zurück blicken. Nach zwei Runden vor dem Stall geht es auch schon los. Ich werde von einem Jungen begleitet, der mein Pferdchen an der Leine führt. Nach wenigen Schritten wird dieses letzte Gefühl von Sicherheit entfernt. Der Typ spaziert zwar hinter mir her… aber mal ehrlich… wenn das Pferd beschließt auf einmal los zu laufen oder sonst was zu machen wird er wohl keine Chance haben mir Beistand zu leisten. Kurz frage ich mich, ob dieses Abenteuer durch meine Reiseversicherung gedeckt wäre, schiebe diesen Gedanken aber rasch beiseite. Ich hatte schon einmal die Idee zuhause Reitunterricht zu nehmen. Das kann einfach was. Dies ist die Art von Meditation die mir wirklich etwas bringt. Ich kann zu 100 Prozent abschalten, bin völlig im Hier und Jetzt (wie man immer so schön sagt).

Nach zwei Stunden (die sich wie 30 Minuten anfühlen) kehren wir zum Stall zurück. Und siehe da, eine andere Touristin ist auch eben von einem Ausritt retour gekommen. Ula heißt sie, aus Polen kommt sie. Und wie sich herausstellt ist sie eigentlich keine wirkliche Touristin. Sie hat genau wie ich vor zwei Jahren in Indien eine Ausbildung zur Yoga-Trainerin absolviert, und ist nie wieder für längere Zeit in ihre Heimat zurück gekehrt sondern reist durch die Welt und verdient ihren Lebensunterhalt mit Yoga-Klassen. Und weil das noch nicht genug an spannenden Geschichten bietet, zeigt sie mir auch noch ihr Hobby (angeblich bin ich die erste die es sieht…). Sie drückt mir einen kleinen Block in die Hand, voller Zeichnungen und Texte. Darauf ein Titel „Unexisting Books and their Covers“. Sie erfindet also Buchtitel, zeichnet ein Cover dazu, schreibt einen kurzen Plot. Unfassbar. Ich bin hin und weg, könnte stundenlang darin blättern.

Kann ich aber nicht, weil wir soooo viel zu besprechen haben. Ja, es funkt mal wieder. Wie umarmen uns gleich mehrmals bei der Verabschiedung, können gar nicht glauben dass unsere gemeinsame Zeit schon wieder vorbei sein soll. Am liebsten würde ich noch ein paar Tage am Inle See anhängen. Aber ausnahmsweise ist ein Flug gebucht… naja… das ist eine andere Geschichte. Geduld.

Myanmar und ich haben ein wenig gebraucht um warm zu werden. Letztendlich werde ich dieses Land aber in wahnsinnig guter Erinnerung behalten. Was vor allem an diesen inspirierenden und herzlichen Begegnungen liegt.

2 Kommentare zu „#22: Lake Break – Über inspirierende zwei- und vierbeinige Bekanntschaften.

  1. Verdammt geile Bilder hast du da geschossen … schaut richtig professionell aus 🤩 👍🏻

    Hab mal vor ner halben Ewigkeit eine Doku über diese Frauen gesehen, die sich ihren Hals durch diese Ringe verlängern, auf der einen Seite fasziniert mich sowas, aber irgendwie ist es auch voll abschreckend, weil sie sich damit ja nun echt nix Gutes tun … ich nehm an, dass du dich mit ihr nicht verständigen hast können oder?

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    1. Danke!!! Ja die sind auch nicht mit dem Handy entstanden sondern mir der SRK. Die Mädels hatten einen Kartenleser dabei, also hab ich mal ein paar Bilder runter gezogen… es geht mir manchmal am Nerv das Ding herum zu tragen… aber in solchen Momenten lohnt es sich halt schon

      Mit der vom Bild konnten wir nicht plaudern aber mit einer anderen. Ja ich sehe das wir du. Angeblich können sie mittlerweile selbst entscheiden ob sie das wollen oder nicht. Auf der anderen Seite wurde gesagt, dass die Kinder bereits die Ringe angelegt bekommen…

      Muss ein Wahnsinn sein, vor allem bei der Hitze. Aber gut, sie kennen es halt nicht anders

      Gefällt 1 Person

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