#20: Here comes the Sun – Über das Akzeptieren.

Bagan. Stadt der 2000 Pagoden. Ja, ganz richtig. Ich habe mich nicht vertippt. Dieser Ort steht auf der Todo-Liste von jedem Myanmar-Traveler. So auch auf meiner.

Wie immer beschäftige ich mich vorab nicht wirklich mit meinem nächsten Ziel. Ich buche zwei Nächte in einem Hostel und lasse mir bei der Ankunft einen Plan aushändigen. Ok. Viele Tempel und Pagoden. Klar. Und sonst? Nichts.

Da ich mich für die Weiterreise an den Inle-See (noch so ein Touristen Spot) für einen Nachtbus entscheide, habe ich 2,5 Tage in Bagan zur Verfügung. Beim ersten Blick auf den Plan frage ich mich: was zur Hölle mache ich hier so lange?! Klar, Pagoden anschauen. Aber in der Zeit kann ich ja alle 2000 erkunden… ähmmm eher nicht.

Wieder mal stoße ich auf einen Flyer für eine Yoga-Klasse (ich weiß, es wird langsam langweilig). Wieder einmal beschließe ich teilzunehmen. Ich leihe mir im Hostel ein Fahrrad (das wohl so alt wie die Pagoden ist) und strample bei 40 Grad los. Die Trainerin (eine Australiern die in der Welt herum reist und Yoga Unterricht gibt) wartet bereits gemeinsam mit zwei anderen Teilnehmerinnen. Anstelle in einen Raum zu gehen, besteigen wir ein Boot. Aha. Naja, warum nicht.

Wir werden auf eine kleine Insel im Fluss gebracht, von der wir, während wir unsere Positionen ausüben, gleichzeitig den Sonnenuntergang beobachten können. Ich muss an dieser Stelle erklären, dass Bagan berühmt für magische Sonnenspektakel ist… manchmal… Tja, es ist Trockenzeit in Asien. Und dementsprechend ist der Himmel oft wolkenverhangen und trüb. So auch heute. Hilft nichts. Das muss man einfach so akzeptieren wie es ist. Natur halt.

Nach der Yoga-Klasse fahre ich zurück ins Hostel und beschließe gleich dort zu essen. Schließlich muss ich früh ins Bett. Die Sonne geht bekanntlich nicht nur unter sondern auch auf. Neuer Tag – neue Chance für magische Momente.

Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr. Eine halbe Stunde später sitze ich auf meinem E-Roller (ich vermisse den Sound eines richtigen vom ersten Moment an) und mache mich auf den Weg in Richtung Bagan Tower. Bis vor kurzem konnte man die Sonnenauf- und Untergänge von den Spitzen einiger Pagoden beobachten. Dies ist aber seit ein paar Monaten streng verboten. Zum einen scheint es Verletzungen und sogar Todesfälle gegeben zu haben, zum andern gibt man auf die Denkmäler neuerdings offenbar mehr Acht als früher und möchte nicht, dass Touristen auf den Bauwerken herum klettern. Der Turm ist also die offizielle Möglichkeit eine gute Aussicht zu haben. Schlau sind sie auch, die Menschen aus Myanmar. So verlangen sie gleich mal satte 5 USD Eintritt (nachdem man bereits 15 USD für die archäologische Zone an sich berappt hat). Es ist ein etwas bizarres Bild. Man befindet sich in einer eher wilden Landschaft, überall ragen die Spitzen von Pagoden hervor, teilweise völlig verfallen und verwachsen. Und dann steht da dieser Turm. Nagelneu. Modern. Mit Lift. Als ich am Parkplatz ankomme ahne ich Böses. Aus mehreren Reisebussen drängen bereits Touristen Richtung Eingang, vorwiegend Chinesen. Ich will ja nicht rassistisch sein, aber dies ist im Grunde immer das nervigste Völkchen, das einem begegnen kann.

Der Lift bringt uns nach oben auf die Plattform. Immer nur 7 Personen, ganz korrekt. Meine Befürchtung bestätigt sich leider. Ein idyllischer Morgen wird das sicher nicht werden. Ich teile mir den Ausblick mit rund 100 Asiaten, die sich bereits an der Brüstung drängen um den besten Standplatz zu sichern. Zum Glück bin ich ja groß (und die Chinesen klein) und so kann ich auch mit einem Platz in zweiter Reihe zufrieden sein. Außer mir ist offenbar nur eine andere weiße Touristin auf dem Turm. Sie kommt aus Polen und ist mit ihrer Familie hier. Den Wecker hat offenbar nur sie gehört, Mann und Kinder schlafen noch.

Langsam wird der Himmel zunehmend heller. Die Polin ist bereits ziemlich enttäuscht über das Szenario, das sich uns bietet. Ich versichere ihr, dass die Sonne bestimmt erst hinter den Hügeln hervortreten wird. Und so warten wir geduldig weiter.

Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Wie im Bilderbuch zücken alle chinesischen Besucher gleichzeitig ihre Kameras. Was ist los?! Haben wir etwas verpasst?! Oh. Die Sonne zeigt sich. Als winzige Kugel leuchtet sie ganz schwach hinter einer dicken Wolkendecke hervor.

Ich zeige euch an dieser Stelle ein Bild, wie man es aus dem Internet oder aus National Geographic Magazinen kennt:

Wunderbar oder? Und das ist das Bild das sich uns bietet:

Tja. Da hilft wohl der beste Filter nichts. Ich gestehe, ein wenig ärgere ich mich. Ich könnte eigentlich noch immer im Land der Träume sein. Aber gut. Again. Ich zitiere mich selbst: Das muss man einfach so akzeptieren wie es ist. Natur halt. Und so hatte ich zumindest wieder einmal ein nettes Gespräch mit einer anderen Reisenden.

Bevor ich zurück ins Hostel fahre, klappere ich gleich noch ein paar Pagoden ab. Der Sonnenaufgang war zwar quasi nicht vorhanden, das Morgenlicht ist dennoch sehr stimmungsvoll und gut für nette Fotos.

In kurzer Zeit kann ich fünf Tempel als gesehen markieren (und zwar buchstäblich, ich setze jeweils eine Stecknadel in meiner MapsMe Karte… Streber… ich weiß). Hmmm… es liegt ja tatsächlich alles sehr nahe zusammen. Wieder kommt mir die Frage in den Sinn: was tue ich eigentlich hier zwei volle Tage lang…?!

Irgendwie werde ich ein wenig unrund. Das passt mir nicht. Ein verlorener Tag ist ein verlorener Tag. Und so ist es wieder einmal Zeit für eine spontane Anpassung meiner Pläne. Ich beschließe die zweite gebuchte Nacht im Hostel verfallen zu lassen und gleich für den aktuellen Abend einen Platz im Nachtbus zu reservieren.

Und wieder muss ich mich im Akzeptieren üben. Das bevorzugte Unternehmen hat keine verfügbaren Plätze. Der alternative Anbieter nur noch „shared seats“, was bedeutet, dass man seine Liege im Bus mit einem fremden Menschen teilen muss. Natürlich gefällt mir das so gar nicht. Zum einen bin ich aber schon einmal in den Genuss gekommen (und habe es tatsächlich überlebt… und das obwohl es keine Klimaanlage gab und der Bus auf halber Strecke kaputt wurde). Zum anderen möchte ich auf keinen Fall einen Tag länger hier bleiben. Nicht weil es nicht schön ist, sondern weil ich einfach keine Lust habe.

Und nun sitze ich hier an meinem Hotel-Pool – noch in Bagan – schreibe diesen Beitrag und warte auf mein nächstes Abenteuer. Sofern es eines wird, werdet ihr natürlich etwas darüber lesen…

Ein Kommentar zu „#20: Here comes the Sun – Über das Akzeptieren.

  1. „Zum Glück bin ich ja groß (und die Chinesen klein) und so kann ich auch mit einem Platz in zweiter Reihe zufrieden sein.“ 😂😂 made my day!!

    Schade, dass die Aussicht nicht so schön war wie auf dem Internet-Foto, aber du tust dich sehr gut darin das Positive da raus zu pflücken – spitze!! 😄😄

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