#17: Silence is Golden – Über schweigsame Tage im Kloster.

Seit einigen Jahren praktiziere ich regelmäßig Yoga. Taucht man tiefer in diese Welt ein, so kommt man im Grunde automatisch mit dem Thema Meditation in Berührung. Eigentlich ist Yoga als eine Art Vorstufe zu betrachten. Durch das Ausüben der verschiedenen Asanas (Positionen) soll der Körper darauf vorbeireitet werden, über mehrere Stunden in einer Meditation verweilen zu können.

Die positiven Wirkungen werden nicht nur von einer immer größer werdenden Anhängerschaft bestätigt, sondern sind auch wissenschaftlich belegt. Und so wage auch ich vor einigen Jahren den ersten Versuch. Ich schalte das Licht im Schlafzimmer aus, platziere ein Kissen am Boden, setze mich, kreuze die Beine, schließe die Augen. Alles wie es sich gehört. Heute kann ich nicht mehr sagen, was ich mir genau erwartet habe. Vermutlich ein wenig Entspannung, vielleicht plötzlich aufkommende Eingebungen. Leider bin ich alles andere als ruhig und inspirationsgeladen. Meine Gedanken springen von einem Thema zum nächsten. Ich halte es kaum aus wie eine Statue sitzen zu müssen, frage mich dauernd wie viele Minuten schon vergangen sind… oder wie viele Minuten ich noch durchhalten muss… Obwohl ich immer wieder Meditations-Einheiten in meinem Yoga-Studio besuche und sogar ein Wochenende in einem buddhistischen Zentrum verbringe, komme ich nie in den positiven Zustand, der von vielen erlebt wird.

Auch auf meiner Reise begegnen mir laufend Menschen, die regelmäßig praktizieren. Einige von ihnen waren auch bereits auf sogenannten Vipassana Seminaren, bei denen man 10 Tage lang von morgens bis abends meditiert. Ich bewundere diese Ausdauer sehr, spiele immer wieder mit dem Gedanken dies selbst zu wagen. Aufgrund meiner Erfahrungen in der Vergangenheit schiebe ich diese Idee aber stets beiseite.

Wie immer kommt natürlich alles so wie es kommen soll. In Laos lerne ich zwei Mädels aus Deutschland kennen (genau, die von der Hochzeit), die ein paar Tage in einem Kloster im Norden von Thailand verbracht haben. Eine Anmeldung sei nicht nötig, jeder ist willkommen. Man kann die Zeit schweigend verbringen, muss aber nicht. Man kann sein Handy abgeben, muss aber nicht. Das hört sich gut an. Somit fasse ich diese Empfehlung mal als eine meiner Optionen ins Auge… und stehe schon ein paar Tage später vor den Toren des Klosters.

Von der Busstation muss man rund 1km zu Fuß gehen, bis man schließlich endgültig an seinem Ziel angekommen ist. Ich nutze die Gelegenheit und kaufe noch ein paar Kekse in einem kleinen Supermarkt (dem einzigen Gebäude weit und breit). Dort treffe ich eine Kanadierin, die seit ein paar Monaten mit dem Fahrrad in Thailand unterwegs ist (die sollte einen Blog schreiben…). Sie fragt mich, was ich mir von meinem Aufenthalt im Kloster erwarte. Good question. Ich habe absolut keine Ahnung.

Ein paar Kekse später mache ich mich auf den Weg. Die Umgebung könnte kaum passender sein. Das Anwesen liegt geschützt inmitten von ein paar kleinen Hügeln, ein Fluss plätschert durch den Garten, Bäume spenden Schatten.

Es handelt sich nicht um ein prunkvolles altes Gemäuer, wie wir es vielleicht von unseren Klöstern erwarten würden. In der Mitte des Grundstücks befindet sich ein großes Gebäude aus Holz, das an allen Seiten offen ist und gleichzeitig Tempel, Bibliothek und Speisesaal beherbergt. Auf dem gesamten Anwesen stehen kleine und große Holzhütten, in denen die Besucher ihren Aufenthalt verbringen.

Beim Hauptgebäude sitzt ein älterer Herr an einem Tisch, darüber eine Tafel, die einen wissen lässt, dass es sich um die Information handelt. Nachdem ich meine Daten in einem Buch eingetragen habe, bekomme ich ein Zimmer zugewiesen. Aktuell ist keine private Hütte frei (was ich auch nicht erwartet habe), ich ziehe also in einen Gemeinschaftsraum. Der Herr informiert mich noch darüber, wo ich eine Matratze (richtig, es gibt keine Betten) und weiße Kleidung (richtig, alle tragen ausschließlich weiß) erhalte.

Mit allem ausgestattet, was ich für die nächsten Tagen brauche, betrete ich den Raum. Zwei Frauen liegen bereits auf ihren Matratzen und lesen. Da beide ein Schild mit „silent“ tragen, lächle ich nur kurz und lasse sie in Ruhe. Die zwei haben sich dazu entschieden, ihren Aufenthalt hier schweigend zu verbringen. Und dies ist auch mein Plan. Ich liebe mittlerweile die Gespräche mit den anderen Reisenden. So viele spannende, lustige, inspirierende Geschichten. Aber jetzt freue ich mich darauf, dass ich einfach mal ein paar Tage lang die Klappe halten kann.

Bis zur ersten Einheit sind es noch zwei Stunden. Also beschließe ich mich ebenfalls ein wenig hinzulegen, und falle in einen tiefen Schlaf. Es scheint als ob mein Körper und mein Geist nach den letzten Wochen dringend eine Ruhepause brauchen, denn diese unglaubliche Müdigkeit begleitet mich fortan hier.

Ich schaffe es mich um 18 Uhr zum gemeinsamen Chanten (Singen) im großen Saal einzufinden. Zum Glück gibt es ein Liederbuch, wodurch man auch als Ausländer in den Gesang einstimmen kann.

Rund 100 Menschen, die ihrem Aussehen nach zu Schließen aus der ganzen Welt kommen, befinden sich im Raum, alle in weiß gekleidet. Ich lasse die Blicke ein wenig durch die Reihen schweifen. Man möchte hier einen speziellen Typ von Mensch erwarten: alternativ angehaucht, mit Dreadlocks, Piercings und Tattoos, natürlich Veganer. Unter den vielen Besuchern sehe ich tatsächlich nur eine Handvoll, die in dieses Klischee passen würden. Im Grunde sind alles „ganz normale“ Menschen, junge und alte, große und kleine, schwarze und weiße.

Nach dem gemeinsamen Gesang, werden sämtliche Lichter ausgeschaltet. Nur noch der Glanz der Buddha Statuen, vor denen die 10 Mönche sitzen, ist zu erkennen. Die restliche Zeit wird in Dunkelheit und Stille meditiert.

Der Wecker klingelt am nächsten Morgen um 6.00 Uhr (was im Vergleich zu anderen Aufenthalten dieser Art sehr harmlos ist). Noch immer fühle ich mich komplett müde und erschlagen. Der Tag beginnt mit dem allmorgendlichen „Rice Offering“ an die Mönche. Dabei bilden die Besucher eine Reihe und knien sich nieder. Jeder hat einen Teller mit gekochtem Reis in den Händen. Die Mönche gehen mit kleinen Kesseln durch und bekommen jeweils einen Löffel. Danach dürfen auch wir uns zum Frühstück begeben. Und ratet mal: es gibt Reis. Mit Suppe. Köstlich.

Um 8 Uhr startet die erste richtige Meditation. Diese besteht aus drei Teilen: Gehen, Sitzen, Liegen. Dauer ca. 2 Stunden. Schon bei den ersten Schritten der Geh-Meditation merke ich, dass etwas nicht stimmt. Ich bin nach wie vor tot müde, habe Kopfschmerzen. Alles nervt mich, wirklich alles. Da ist eine Frau vor mir, die viel zu langsam geht, da ist eine hinter mir, die tatsächlich kurz spricht. Das Gras unter meinen Füßen ist immer wieder feucht… irgendwie wohl auch zu grün…

Zu Mittag ruft der Herr von der Information die Damen aus Zimmer 50 (ich bin eine davon) dazu auf, nach dem Essen zu ihm zu kommen. Wir „müssen“ in eine private Hütte umziehen. Na, das sind ja mal gute Neuigkeiten. Ich habe zwar absolut kein Problem damit für ein paar Tage mit fremden Menschen am Holzboden zu schlafen, aber ein eigenes Häuschen ist natürlich feiner.

Ich gehe also gleich nach dem Essen zur Information um zu erfahren welche Hütte ich beziehen darf. Offenbar habe ich ein wenig zu langsam gekaut, alle Einzelunterkünfte sind bereits belegt. Ich muss also ins „große Haus“ umziehen. Kling nicht gut. Rein rational betrachtet ist es natürlich völlig egal, ob man in einer privaten Hütte oder in einem riesigen Saal auf dem Boden schläft, vor allem wenn es lediglich um ein paar wenige Nächte geht. Mein Verstand ist aber offenbar zu diesem Zeitpunkt komplett gelähmt, sodass ich beim Umzug in die neue Bleibe ein paar Tränen weg wischen muss.

Das Gebäude besteht aus zwei Stockwerken, bietet Platz für geschätzt 200 Personen. Nun ist mir auch klar, weshalb man seinen Besuch hier nicht vorab anmelden muss. Hier ist stets ein Bett… ähh eine Matratze frei. Da mir der Mann an der Information leider nicht gesagt hat, in welchem Stock ich mein Lager aufschlagen soll, marschiere ich gleich wieder retour. Er ist gerade in einem Gespräch mit drei Neuankömmlingen. Das macht mich gleich wieder stinkig, ich habe null Aufklärung bei meiner Ankunft erhalten (naja… wahrscheinlich hätte ich fragen sollen). Er ignoriert mich ein paar Minuten lang. Plötzlich blickt er mich an und offenbart mir aus heiterem Himmel, dass doch eine private Hütte frei geworden ist. Und so ziehe ich gleich wieder um. Wirklich zufriedener stimmt mich das vorerst allerdings nicht.

An diesem Tag stehen noch zwei weitere Meditationen an. Meine Gedanken wollen einfach nicht außerhalb der Mauern bleiben. Wo ich es in den letzten Wochen so gut geschafft habe, meine Reise völlig spontan zu gestalten, mache ich mir plötzlich wieder Sorgen um Flugtickets, Zimmerbuchung, Auswahl der Etappen. Das gibt es einfach nicht. Es scheint, also ob sich mein Gehirn einfach mit irgendwas beschäftigen möchte. Eigentlich könnte ich jederzeit meinen Rucksack packen und gehen, aber … ratet mal … dazu bin ich einfach zu müde. Irgendwie fühle ich mich wie benebelt. Also schleppe ich mich durch den Tag und bin froh als ich mich um 20.15 Uhr in meine Hütte verkriechen kann.

Neuer Tag, selbe Routine. In der ersten Geh-Meditation kommt mir die Frage der Kanadierin wieder in den Sinn. Welche Erwartungen habe ich an meinen Aufenthalt im Kloster? Ich hatte keine, absolut nicht. Warum also bin ich so enttäuscht, dass ich das mit der Meditation einfach nicht hinbekomme? Warum lege ich da wieder mal so einen Druck hinein? Warum kann ich nicht einfach die Stille und die Landschaft genießen?

Und so beschließe ich, genau das ab sofort zu tun. Es war ja nie mein Ziel hier zum Meditations-Meister ausgebildet zu werden und nach 3 Tagen in völliger Erleuchtung von dannen zu ziehen (oder zu schweben). Somit ist es völlig egal, ob ich bei einer Meditation einschlafe oder an etwas anderes denke als an Einatmen und Ausatmen.

Dennoch nervt es mich, immer wieder in meinen eigenen Gedanken gefangen zu sein (was von den Mönchen übrigens als „monkey mind“ bezeichnet wird…wenn es dafür eine eigene Bezeichnung gibt, scheine ich zumindest nicht die einzige zu sein…). Offenbar hat es keinen Sinn aufkommende Gedanken im Keim ersticken zu wollen, die Biester kommen nämlich immer wieder angeschlichen.

Plötzlich muss ich an meine Todo-Listen denken, die mir sowohl in der Arbeit als auch im Privaten mein Leben erleichtern. Dort schreibe ich jede anstehende Aufgabe auf und kategorisiere diese dann (z.B. in „heute“, „aktuelle Woche“, „irgendwann“). Und so versuche ich das auch mit den vielen Themen, die in meinem Kopf herum schwirren. Ich lasse den Gedanken kurz aufkommen, bewerte die Priorität und parke ihn dann wieder. Und siehe da: nichts landet auf der Liste „heute wichtig“.

Ich möchte nicht übertreiben und sagen, dass ich ab diesem Zeitpunkt komplett entspannt bin, aber es hilft dabei, wieder alles mit einer gewissen Distanz betrachten zu können.

Dennoch entscheide ich, das Kloster nach drei Nächten wieder zu verlassen. Es ist ein unglaublich schöner Ort, an dem man bestimmt auch einige Wochen verweilen kann. Ich konnte in der kurzen Zeit einen guten Einblick in das Leben der Mönche bekommen und habe weiteres Wissen erhalten.

Das Thema Meditation wird aber an dieser Stelle geparkt und auf die Liste „irgendwann“ gesetzt. Und aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben.

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