#16: Happy Songkran – Über Stimmungsschwankungen zum Jahreswechsel.

Chiang Mai / Thailand.

Jahreswechsel?! Richtig gelesen. Wir schreiben den 14.04.2019. Offiziell beginnt natürlich auch in Thailand das neue Jahr am 01.01. Das traditionelle Neujahrsfest wird jedoch Mitte April gefeiert. Das Wort „Songkran“ bedeutet „Übergang“ oder „voranschreiten“ und bezeichnet das Eintreten der Sonne in ein neues Tierkreiszeichen. Die drei Tage des Songkran-Festes sind daher eine Zeit, in der des Vergangenen gedacht und gleichzeitig der Übergang zu etwas Neuem gefeiert wird. Der wichtigste traditionelle Bestandteil des Songkran-Festivals ist die Respektbekundung gegenüber älteren Mitmenschen und Familienmitgliedern. Die Jüngeren gießen parfümiertes Wasser in die Hände ihrer Eltern und Großeltern, machen ihnen Geschenke, um ihre Liebe und Dankbarkeit zu zeigen. Im Gegenzug sprechen die Älteren den Jüngeren ihren Segen aus und wünschen ihnen Glück und Erfolg für ihr Leben. Dieser Brauch, sich gegenseitig mit Wasser zu begießen, hat sich in den letzten Jahren zu regelrechten Wasserschlachten entwickelt, die ausgelassen auf den Straßen im ganzen Land veranstaltet werden. (Anmerkung: Danke liebes Internet für diese Informationen).

Unzählige Traveller planen ihre Trips so, dass sie zum Songkran Fest in Thailand sind, bevorzugt in einer großen Stadt wie Bangkok oder Chiang Mai. Ich bin keine von ihnen. Zwar höre und lese ich natürlich immer wieder davon, habe dieses Event aber nicht wirklich am Radar. Ich bin schon in der Heimat kein großer Fan von Silvester, warum sollte ich mich also darüber freuen, 2019 gleich ein zweites Mal Neujahr zu feiern… Mein ursprünglicher Gedanke ist es also, an diesem Wochenende die großen Städte zu meiden und mich eher in irgendeinem kleinen Dorf aufzuhalten… oder besser zu verstecken.

Tja, nun erlebe ich aber seit einigen Wochen ein spezielles Phänomen bei mir. Ich denke irgendwie nur noch in gestern/heute/morgen, weiß eigentlich nie welcher Wochentag gerade ist, geschweige denn welches exakte Datum wir schreiben.

Und so kommt es, dass ich exakt am 12.04 in einem Bus sitze, der mich nach Chiang Mai bringen wird – eine der absoluten Party Hochburgen während der Feiertage. Klar wird mir das eigentlich erst, als ich bereits in diesem Transportmittel sitze. Ich nicke immer wieder leicht ein, werde manchmal durch ein Geräusch an der Scheibe geweckt. Beim Verlassen des Busses wird mir klar, was der Ursprung ist. Nicht nur Menschen werden nass gespritzt, auch Busse und Autos bleiben nicht verschont. Da ich absolut nicht in Stimmung bin, mich gleich am ersten Tag in die Feierlichkeiten zu stürzen, bleibe ich an diesem Abend im Hostel und widme mich meiner Wäsche.

Auch am nächsten Morgen steht mir der Sinn nach wie vor nicht nach Feiern. Ich kümmere mich also, noch bevor ich irgendetwas von meinem aktuellen Aufenthaltsort gesehen habe, um die Weiterreise zum nächsten Ziel. Der Versuch Bustickets online zu bestellen ist leider eine Niederlage. Und so mache ich mich auf den Weg zum 5 Kilometer entfernten Bahnhof.

Trotz der frühen Tageszeit tummeln sich schon zahlreiche Menschen auf den Straßen. Bewaffnet mit Spritzpistolen (oder besser Spritzgewehren) oder Eimern versucht jeder den anderen nass zu machen. Ok, es sieht ja ganz nach Spaß aus… aber nach wie vor fehlt mir die Motivation. Offen gestanden bin ich sogar extrem genervt. Ich will das einfach nicht.

Nachdem ich endlich mein Busticket in den Händen halte, mache ich mich auf den Weg in ein Museum („Art in Paradise“). Zum einen ist es eine ideale Möglichkeit dem Trubel noch ein wenig entfliehen zu können. Zum anderen sind die Fotos und Berichte, die ich online über dieses Museum gefunden habe, extrem interessant. Es handelt sich um Gemälde, die einen ganz speziellen 3D Effekt haben und somit verschiedene Illusionen erzeugen. Zudem gibt es eine eigene App, welche die Gemälde über Augmented Reality sogar zum Leben erweckt. Und das Internet hat nicht zu viel versprochen. Noch nie habe ich etwas Vergleichbares gesehen. Man kann die Bilder nicht nur einfach betrachten, sondern Teil von ihnen werden und extrem spezielle Fotos und Videos machen, in denen man das Hauptmotiv bzw. der Hauptdarsteller sein kann. Ein Blog Beitrag enthält noch den wertvollen Tipp „Geh auf keinen Fall alleine hin!“. Und was bin ich? Richtig. Alleine.

Ich frage also vor jedem Bild andere Menschen (alles Asiaten), ob diese so nett wären ein Foto von mir zu machen. Schon nach dem fünften Bild, macht das irgendwie keinen Spaß mehr. Und wieder (oder noch immer) bin ich genervt. Ich sehe mich kurz um und entdecke eine Dreier-Gruppe in einer Ecke, die ebenfalls gerade Fotos von sich vor einer der Kulissen macht. So, es ist also wieder mal an der Zeit die Komfortzone zu verlassen. Ich gehe also einfach zu ihnen und frage sie, ob ich mich ihnen anschließen darf. Ich darf. Und von einer Sekunde auf die andere schlägt meine Stimmung komplett in eine andere Richtung aus. Wie kleine Kinder posieren wir vor den verschiedenen Hintergrund-Motiven und geben uns gegenseitig Tipps.

Mit dieser Gemütslage bin ich nun also doch eventuell bereit, mich den Festlichkeiten „zu ergeben“. Zum Glück habe ich am Vorabend mein Taxi mit einem Mädel aus Deutschland geteilt, die mich in der Früh bereits angeschrieben und nach meinen Plänen gefragt hat. Wir treffen uns um 14.30 Uhr in meinem Hostel. Bella ist bereits mit einer riesigen Spritzpistole ausgestattet. Und so bekomme ich, spät aber doch, auch meine erste Ladung Wasser ab. Kurz später kommt noch Monja dazu, ebenfalls aus Deutschland. Und so stürzen wir uns gemeinsam ins Getümmel. Mögen die Wasserspiele beginnen.

Es ist kaum zu beschreiben, was auf den Straßen los ist. Jeder, wirklich jeder, hat entweder einen Eimer oder eine Spritzpistole in der Hand. Manche halten überhaupt gleich den Wasserschlauch bereit. Zwei Minuten nachdem wir das Hostel verlassen haben, bin ich von oben bis unten nass. Nicht nur ein wenig besprenkelt, nein, ich sehe aus, als ob ich mitsamt Kleidung und Beutel in einen See gefallen wäre. Apropos Beutel: Danke an mein Hostel für die wasserfeste Tasche!

Was soll ich sagen. Es ist mega lustig. Man sagt ja immer so schön, dass man das „Innere Kind“ stärker raus lassen sollte. Wie könnte man das besser, als mit einer Spritzpistole bewaffnet durch die Straßen zu laufen.

Immer wieder ziehen kleine Paraden an uns vorbei, die aus Menschen in wundervollen Kostümen und Fahrzeugen auf denen Buddha Statuen chauffiert werden bestehen. Irgendwie ist es ein bizarres Bild. Menschen mit Plastik-Pumpguns spritzen sich nicht nur gegenseitig mit Wasser voll sondern auch die heiligen Statuen. Aber gut, andere Länder, andere Bräuche. Und solange die Menschen so einen Spaß dabei haben und friedlich miteinander feiern soll ja auch nichts dagegen sprechen.

Ich persönlich bin extrem froh, dass sich mein Tag nochmals so dermaßen gewendet hat. Von „ich möcht am liebsten gar nicht raus“ zu „wo kann ich meinen Wassertank auffüllen“. Im Nachhinein denke ich, dass ich eigentlich gar nicht schlecht drauf war am Morgen. Sowie mein „inneres Kind“ im Museum und bei den Wasserspielen sehr präsent war, so war es das vielleicht einfach auch schon vorher. Vielleicht hat es einfach ein wenig Zeit benötigt, war ein wenig schüchtern, bevor es sich zu den anderen Kindern auf den Spielplatz getraut hat…

Offenbar braucht es manchmal einen Eimer Wasser über den Kopf, um den nötigen Ruck zu bekommen. Oder zwei liebe Menschen, die einen ein wenig mitreißen (Danke Bella und Monja an dieser Stelle).

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