#15: Mission Border Crossing – Über das buchstäbliche Überschreiten von Grenzen.

Luang Namtha in Laos ist eine Reise wert. Zumindest dann wenn man vor hat, eine der vielen Outdoor-Aktivitäten (Trekking, Mountainbiking, Kajak,…) im umliegenden Nationalpark zu testen.

Es ist das erste Mal innerhalb meiner Reise, dass ich mich an einem Ort nicht richtig wohl fühle. Vielleicht liegt es daran, dass ein wenig Einsamkeit aufkommt, nachdem ich die letzte Woche immer in Gesellschaft verbracht habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein wenig kränklich bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Herzlichkeit der Menschen vermisse, die ich in den kleineren Dörfern erfahren durfte.

Irgendetwas ist hier einfach anders. Schon in den ersten Minuten nach meiner Ankunft weiß ich, dass ich hier nicht lange verweilen werde. Im Grunde besteht das Zentrum aus einer Hauptstraße, an der sich einige Trekking-Agenturen, ein paar wenige Lokale und Shops befinden. Die Stadt hat einfach keinen Charme. Und auch die Menschen, denen ich hier begegne, scheinen eine völlig andere Mentalität zu haben. Niemand lächelt, man hat irgendwie das Gefühl eher ein Störfaktor als ein Gast zu sein.

Ich beschließe mich nach der langen Anreise erst einmal mit einer Pizza Margherita (tatsächlich in einem Holzofen gebacken) zu stärken und danach die Outdoor-Büros abzuklappern. Der Plan geht leider nicht auf. Als ich das Lokal verlasse, scheint die Straße wie leer gefegt, sämtliche Trekking-Agenturen sind bereits geschlossen.

Also ist wieder mal Spontanität gefragt. Nach kurzem Grübeln erinnere ich mich, dass meine Unterkunft einen Fahrradverleih anbietet. Und so miete ich am nächsten Tag eines der Mountainbikes um die Region auf eigene Faust zu erkunden. Ich frage den Vermieter nach einer Empfehlung für eine Route. Leider ist auch dieser Geselle nicht sehr gesprächig. Er weist mich auf ein Poster in einer Ecke hin, welches eine mögliche Runde skizziert und meint ich solle einfach ein Foto davon machen. Ok, mehr brauche ich im Grunde ohnehin nicht.

Los geht’s. Ich bin total überrascht, dass es sich bei meinem Gefährt nicht etwa um einen uralten Drahtesel handelt. Es ist ein „echtes“ Mountainbike (Marke Giant für die Experten) und fährt sich richtig gut. Die Tour ist wunderschön, führt mich vorbei an kleinen Flüssen, Reisfeldern und durch urige Dörfer. Tatsächlich schaffe ich es, mich nur einmal zu verfahren…

Als ich nach einer rund dreistündigen Fahrt wieder im Ort ankomme mache ich mir Gedanken über meine nächsten Aktivitäten. Eine Trekking-Tour ist eigentlich ein Must, wenn man in dieser Region ist.

Aber irgendwie sträubt sich alles in mir. Eine geführte Wanderung kostet 100 USD pro Person, was nicht nur für asiatische Verhältnisse richtig viel Geld ist. Mein Halsweh ist durch das Radeln in der Hitze schlimmer geworden. Und eigentlich hab ich null Bock darauf, mit einer Gruppe den ganzen Tag lang durch den Wald zu laufen. Also, kein Nationalpark für Karin. Ja, den Mut auch mal etwas auszulassen, das im Reiseführer als ein Muss gilt, den hab ich mittlerweile.

Somit gleich auf zur nächsten Etappe: es geht wieder nach Thailand. Ich kaufe das Ticket direkt in meiner Unterkunft, das hat bisher immer sehr gut funktioniert. Mit der Betonung auf bisher.

Die Abholung von der Unterkunft ist für 7.30 Uhr morgens anberaumt. Pünktlich wie immer bin ich um 6.45 Uhr beim Frühstück. Nachdem ich meinen Obstsalat mit Joghurt genossen habe, sagt man mir, dass der Bus erst um 9.30 kommen wird. Aha?! Naja… kann man nichts machen… wir sind halt in Asien.

Ich nutze die Zeit für ein kurzes Schläfchen im Zimmer und sitze um 9.15 Uhr wieder im Innenhof. Die Zeit vergeht, kein Bus in Sicht… Auf mein Nachfragen eröffnet man mir, dass der Minivan Verspätung hat. Na, darauf wäre ich nicht gekommen. Es wird wohl noch ein wenig dauern.

Ich setze mich auf eine Schaukel, schicke ein paar Nachrichten in die Heimat und schreibe am nächsten Blog Artikel. Geduld in solchen Situationen ist eigentlich eine meiner Stärken, heute leider nicht.

Um 11.30 Uhr – also vier Stunden nach Plan – fährt ein Fahrzeug in den Innenhof. Kein Minibus, ein Pick Up mit 5 Sitzen. Der Beifahrer kommt auf mich zu, macht mir die Hintertür auf und lässt mich einsteigen. Offenbar habe nur ich mich für den Transfer angemeldet, daher reicht ein normales Fahrzeug aus.

Froh darüber, dass die Fahrt nun endlich los geht, mache ich es mir auf der Rückbank, die ja ganz mir allein gehört, gemütlich. Da die Straßen in Laos eine Katastrophe sind, ist an Schlaf nicht wirklich zu denken. Ich lasse meine Gedanken schweifen. Irgendwann kommt mir in den Sinn, dass ich mich gerade in einer absoluten No-Go-Situation befinde. Alleine als Frau in einem Auto mit zwei unbekannten Männern. Naja. Irgendwie zu spät jetzt. Mitten in der Pampa aussteigen ist keine gute Alternative. Ich könnte noch das Pfefferspray hervorkramen, dass mir mein Bruderherz als Geschenk mit auf die Reise gegeben hat, bin aber einfach zu müde.

Nachdem das Thema Sicherheit durch ist, fällt mir ein, dass dies heute kein Standard Trip von A nach B ist. Ich muss schließlich eine Grenze überqueren (zur Erinnerung: es geht von Laos nach Thailand). Aber um ehrlich zu sein, auch für diese Überlegungen bin ich zu müde. Die zwei Typen werden schon noch für etwas gut sein.

Nach rund drei Stunden Fahrzeit erreichen wir die Grenze von Laos. Ich bekomme meinen obligatorischen Stempel in den Pass inklusive Handshake vom Grenzbeamten. Der Beifahrer ist immer noch an meiner Seite. Er bringt mich zu einem Reisebus und bittet mich einzusteigen. Die Türen schließen sich, der Bus fährt ab. Mein Beifahrer bleibt draußen und winkt mir. Ich bin der einzige Fahrgast.

Ab dieser Stelle bin ich nun doch etwas verunsichert. Ich habe keine Ahnung, wie die Reise jetzt weiter geht. Lange Zeit zum Grübeln bleibt nicht. Der Bus hält nach ein paar Minuten an der thailändischen Grenze. Von da an, spielt sich alles wie in einem Agentenfilm ab. Ich fühle mich wie ein VIP, der von einem Transportmittel ins nächste gestoßen wird. Vor dem Bus empfängt mich ein älterer Herr in einer Art Uniform. Er drückt mir die Formulare für die Einreise nach Thailand in die Hand und geht wieder. Als ich durch die Passkontrolle durch bin, steht er plötzlich wieder neben mir. Er gibt mir einen Fahrschein und deutet auf ein Tuk-Tuk, in dem bereits drei Asiatinnen sitzen. Der Herr winkt mir noch freundlich zu, sagt irgendetwas Unverständliches (hoffentlich nichts Relevantes), und dreht sich um.

Mein eigentliches Ziel für heute ist Chiang Rai. Da diese Stadt rund zwei Stunden entfernt liegt, gehe ich davon aus, dass ich das Tuk-Tuk sicher bald verlassen werde. Und so ist es auch. Meine Erwartung war es allerdings, dies an einem kleinen Bahnhof zu tun. Tja, nichts passiert hier so wie man es erwartet. Das Tuk-Tuk hält mitten auf der Straße. Der Fahrer dreht sich um und zeigt zuerst auf mich, dann auf einen kleinen roten Bus, der auf der anderen Fahrspur steht. Der Fahrer drückt einer Dame, die neben dem Tuk Tuk steht, ein paar Scheine in die Hand. Ich laufe mit ihr gemeinsam über die Fahrbahn und springe in den Bus. Und so sitze ich hier, zwischen rund 20 Thailändern als einzige Weiße…. und hoffe dass dies für heute das letzte Verkehrsmittel sein wird.

Zwei Dinge erstaunen mich. Erstens: Niemals hätte ich diesen Menschen ein solches Organisationstalent zugeschrieben. Außer der massiven Verspätung beim Start, hat alles absolut reibungslos funktioniert. Und ich habe hier definitiv keinen VIP-Service gebucht, wie gesagt ich sitze im Einheimischen-Bus. Zweitens: Ich staune wieder fast ein wenig über mich selbst. Total entspannt lasse ich mich von einer Situation in die nächste fallen, denke in kleinen Schritten. Und irgendwie weiß ich einfach, dass ich immer irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen werde.

Ein Kommentar zu „#15: Mission Border Crossing – Über das buchstäbliche Überschreiten von Grenzen.

  1. Wahnsinn, Karin … ich beneide dich um deine Gelassenheit … hab grad voll mitgefiebert, auch wenn ich weiß, dass dir ja nix passiert sein kann, da du ja diesen Blog im NACHhinein verfasst hast – trotzdem spannend 🤭 und seeeehr bewundernswert 😊

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