#13: Wedding Crashers – Über Gastfreundschaft und Spaß ohne Sprachkenntnisse.

Nong Khiaw. Dorf in Nord-Laos. 3500 Einwohner.

Hier gibt es keine namhaften Tempel, keine aufregenden Restaurants, keine klassischen Sehenswürdigkeiten. Was also treibt Touristen aus der ganzen Welt an diesen Ort? Es ist die unfassbar schöne Landschaft, die sich dem Besucher hier offenbart.

Ein paar wenige Anbieter haben sich auf Trekking Touren in der Region spezialisiert. Und das ist auch der Plan für meine Zeit hier. Der ursprüngliche Gedanke ist es, eine zweitägige Wanderung zu unternehmen inklusive Nächtigung bei einer Gastfamilie, so ist das hier üblich offenbar. Tja, wie immer kommt alles anders…

Nach einer entspannten Morgen-Yoga-Einheit am Balkon meiner wunderschönen Hütte, treffe ich mich mit einem Australier und zwei Mädels aus Deutschland zum Frühstück. Im Restaurant machen wir zufällig Bekanntschaft mit einem Guide, der uns eine Tour durch den Jungle anbietet, die uns zu den „100 Waterfalls“ führen soll. Perfekt. Check.

Als wir uns von ihm verabschieden möchten, ist Tong (man schreibt seinen Namen mit Sicherheit nicht so) gerade in einem Video-Telefonat mit einem Verwandten. Da weiße Menschen für die Einheimischen immer interessant sind, bittet er uns ins Smartphone zu winken. Er legt auf. Und fragt uns ob wir nicht Lust haben, ihn am nächsten Tag zu einer Hochzeit zu begleiten. Was für eine Frage… natürlich haben wir Lust!

Wir stellen noch ein paar lebenswichtige Fragen (Welche Kleidung sollen wir tragen? Welches Geschenk sollen wir mitbringen?) und vereinbaren, dass wir uns um 9 Uhr am folgenden Morgen wieder hier treffen. Da die Hochzeit in einem anderen Dorf statt findet, das rund eine Stunde entfernt liegt, mieten wir noch zwei Roller.

Leider schüttet es am besagten Tag wie aus Eimern, sodass wir erst eine Stunde später als geplant los fahren können. Was zur Folge hat, dass wir die offizielle Zeremonie verpassen. Egal. Tong meint, dass die Party danach ohnehin wichtiger ist. Klingt vielversprechend.

Nach rund einer Stunde Fahrzeit halten wir bei einem ganz gewöhnlichen Einfamilienhaus. Also ganz gewöhnlich gemessen an den Verhältnissen in Laos. Wir sind in einem kleinen Dorf. Alles ist schmutzig, irgendwie durcheinander. Auf der Straße laufen Kinder, Hunde und Hühner umher. Wir folgen unserem neuen Freund ins Haus und gehen ins Wohnzimmer (ich nehme zumindest an dass es das ist). Dort sitzen bereits rund 30 Menschen gemütlich am Boden, trinken Bier und plaudern.

Dass wir die einzigen Weißen sind war natürlich zu erwarten. Dass niemand außer Tong Englisch spricht ebenso. Er erklärt uns kurz, was nun als nächstes passiert. Braut und Bräutigam (die man eigentlich nicht also solche erkennt, da sie ganz „normale“ Kleidung tragen) setzen sich zu uns. Es ist Zeit für das Geschenk. Eine kleine Geldspende wird erwartet. Diese wird jedoch nicht wie bei uns üblich in einem Kuvert übergeben. Wir falten die Scheine, wickeln eine Schnur darum und binden sie an die Handgelenke des Paares. Um uns offiziell willkommen zu heißen, werden auch uns Armbänder geschenkt. Eine wirklich schöne Geste wie wir finden.

Danach sollen wir aufstehen und in die andere Ecke des Raums gehen, wo eine Gruppe von Männern um einen Tonkrug sitzt, in dem lange Strohhalme aus Bambus stecken. Das Gefäß ist randvoll gefüllt mit Whiskey, hausgemacht versteht sich. Das Ganze erinnert irgendwie an Sangria auf Mallorca… Wir setzen uns also dazu und trinken unseren Willkommens-Shot. Die kurz aufkommende Sorge bezüglich mangelnder Hygiene schiebe ich umgehend beiseite. Das Gebräu ist gar nicht mal schlecht, nicht vergleichbar mit dem Whiskey wie wir ihn kennen, aber nicht schlecht. Wir haben die Aufgabe den Krug zu leeren. Ich gestehe, dass ich ein wenig schummle und nur daran nippe. Schließlich bin ich die Roller-Fahrerin und auch in Laos gilt für mich die Devise „Don’t Drink and Drive“.

Wir setzen uns zu einem der kleinen Tische auf den Boden während das Hochzeitsmahl aufgetragen wird. Nach und nach werden verschiedene Schüsseln gebracht. Ich bin sehr froh darüber, dass Tong Englisch spricht und mir sagen kann, um was es sich jeweils handelt. Es gibt eine Art Krautsuppe, Salate mit Fisch oder Fleisch und Blutsuppe (ich nenne es einfach mal so). Da ich ja seit vielen Jahren kein Fleisch esse, beschränke ich mich auf den Eintopf und den Sticky Rice den es dazu gibt. Wieder ein kurzer Gedanke an die Hygiene. Das Essen wurde natürlich nicht von einem Caterer geliefert, sondern in der angrenzenden Küche von den Frauen der Familie zubereitet. Niemand wäscht sich die Hände, jeder greift mit den Fingern ins Essen. Und es ist mir egal. Was soll sein. Im Worst Case verbringe ich die Nacht auf der Toilette (was zum Glück nicht der Fall ist).

Es ist schon spannend. Niemand versteht den anderen, trotzdem beginnen wir eine Unterhaltung mit den Gästen, lachen mit ihnen. Vor allem das gegenseitige Erklären der jeweiligen Trink-Rituale sorgt für große Erheiterung. Auch bei uns in Österreich wird ja stets darauf geachtet, dass jeder Gast ein Getränk hat. Die Art von Gastfreundschaft, die ich hier erlebe, ist aber nochmals eine andere Liga. Alle zwei Minuten drückt einem jemand ein neues Glas Bier in die Hand. Dies sollte eigentlich immer auf ex getrunken werden… again… Don’t Drink and Drive.

Wir Ausländer fühlen uns zu keinem Zeitpunkt nicht wohl oder nicht willkommen. Im Gegenteil: wir sind Teil der Gesellschaft. Es wirkt, als würden sich alle richtig über unsere Anwesenheit freuen.

Dann beginnt die eigentliche Party. Es gibt keine Band, keinen DJ der für Stimmung sorgt. Einer der Gäste schließt sein Handy an einen Lautsprecher an und öffnet YouTube (kennt man offenbar auch in Laos).

Tonk will dass wir die Tanzfläche eröffnen. Nach kurzem Zieren folgen wir ihm. Natürlich kennen wir keinen einzigen Song. Ist aber egal. Die Musik ist gut und das reicht. Immer mehr Gäste erheben sich und tanzen zu den fröhlichen Liedern. Offenbar gibt es zu einigen Songs eigene Tanzschritte, denen wir versuchen zu folgen.

Besonders eines der kleinen Mädchen sticht aus der Gruppe hervor. Zum einen ist sie bildhübsch. Schwarzes langes Haar, riesige kastanienbraune Augen. Zum anderen tanzt sie wirklich hervorragend. Zu Beginn ist sie uns gegenüber ein wenig schüchtern, versteckt sich immer wieder hinter den Erwachsenen. Ich bemerke, dass sie vor allem mich immer wieder lange anschaut. Es ist wohl davon auszugehen, dass sie noch nie zuvor einen Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen zu Gesicht bekommen hat. Irgendwann beginnt sie meine Bewegungen zu kopieren und hat einen großen Spaß dabei mich zu imitieren. Dann ist sie an der Reihe, mir ihre Tanzschritte beizubringen. Die anfängliche Zurückhaltung ist wie weggeblasen. Immer wieder umarmt sie mich und strahlt mich dabei an.

Obwohl es brütend heiß im Raum ist, tanze ich stundenlang weiter. Ein paar Leser, die mich auf Weihnachtsfeiern oder Silvester-Parties bereits erlebt haben, werden sich darüber vermutlich wenig wundern 🙂

Als zum gefühlten 100. Mal derselbe Song gespielt wird (nämlich dieser hier: งัดถังงัด), beschließe ich das Zepter in die Hand zu nehmen und gebe meine liebsten Dance-Songs ein (ja, „El Perdon“ von Enrique Iglesias ist natürlich dabei… wird einige nun auch nicht überraschen).

Am späteren Nachmittag werden die Reste vom Hochzeitsmahl erneut auf die kleinen Tische gestellt. Nachdem wir uns nochmal ein wenig gestärkt haben, verlassen wir das Fest. Und das mit einem wunderbaren Gefühl. Wieviele Menschen haben schon das Glück zu einer Hochzeit in Laos eingeladen zu werden?

Die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft dieser Menschen berührt mich. Die Art und Weise wie wir in die Gruppe integriert wurden ist absolut nicht selbstverständlich, sollte es aber vielleicht sein.

2 Gedanken zu „#13: Wedding Crashers – Über Gastfreundschaft und Spaß ohne Sprachkenntnisse.“

  1. Extrem coole Erfahrung, die du da in Laos machen durftest – die Wahrscheinlichkeit so etwas miterleben zu können ist wirklich sehr gering. Schön zu lesen, dass du so tolle und einzigartige Momente auf deiner Reise hast – ich seh schon, solche Erlebnisse prägen dich & das alleine macht deine Auszeit und deine Reise so wertvoll! 💪🏻😄

    LG Bernie

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