#9: Inhale and Exhale – Über den Umgang mit unangenehmen Situationen.

Koh Rong Sanloem / Kambodscha.

Nach drei Tagen auf Koh Rong Sanloem bin ich im Begriff die Insel endgültig zu verlassen. Drei Stunden später als geplant (siehe Beitrag #8) geht es los. Das Boot ist kleiner als jenes, welches mich vor kurzem hierher gebracht hat. Da ich eine der ersten Passagiere bin die einsteigen, gehe ich ganz nach hinten an den Rand (schlechte Wahl wie sich herausstellen wird). Es dauert ein paar Minuten bis alle Gäste einen Platz gefunden haben und auch das Gepäck an Board ist. Der Motor wird angelassen, wir setzen uns in Bewegung.

Irgendwas ist heute anders als bei meiner Anreise. Wie gesagt, das Boot ist kleiner, eventuell auch schneller? Nach ein paar Minuten bemerke ich was sich zusätzlich verändert hat: das Meer ist extrem unruhig. Das Boot springt auf und ab, immer wieder peitscht mir das Wasser ins Gesicht. Zum Glück bin ich seetauglich, aber ich verspüre sehr wohl ein beklemmendes Gefühl, da ich weiß, dass die Fahrzeit rund eine Stunde betragen wird.

Je weiter wir hinaus aufs offene Meer fahren, desto wilder wird das Ganze. An dieser Stelle möchte ich hinzufügen, dass viele von euch bestimmt durchaus schlimmere Boat-Trips erlebt haben. Ich selbst war bisher zweimal Segeln in Kroatien, bin aber sozusagen jungfräulich in Sachen Speedboat.

Ich merke, wie ich mich zunehmend verkrampfe, meine Hand umklammert fest eine Eisenstange, beinahe jeder Muskel in meinem Körper spannt sich an, das Atmen fällt teilweise schwer. Es fühlt sich an wie eine Fahrt auf einer Achterbahn. Obendrein bin ich nach kurzer Zeit völlig nass.
Kurz gesagt: ich fühle mich absolut nicht wohl.

Da ich diesen Zustand schnellst möglich beseitigen will, greife ich auf zwei Strategien zurück, mit denen ich bereits in der Vergangenheit vergleichbare Situationen überwinden konnte:

1. Einatmen / Ausatmen (oder Inhale und Exhale wie es unsere Yoga Lehrer vorgebetet haben…)
So banal dies klingt, es funktioniert einfach immer. Und es ist sooo simpel. Man braucht nur seinen Atem zu verlangsamen und die einzelnen Züge tiefer werden zu lassen. Es dauert natürlich ein wenig, aber es wirkt. Immer.
2. Singen ohne den Mund zu öffnen
Diese Methode hat mir bisher vor allem beim Klettersteig-Gehen des Öfteren geholfen. Auch diese Technik besticht durch ihre einfache Umsetzung. Alles was man braucht ist ein Lied, welches auch immer einem als erstes in den Sinn kommt. Und diesen Song trällert man im Geiste vor sich hin. Im Idealfall beherrscht man den Text, dadurch ist ein noch stärkerer Fokus möglich.
In meinem heutigen Fall denke ich spontan zuerst an folgendes Lied, welches ich in einem Lokal in Goa gehört habe:
Wahh Yantee von Snatam Kaur
Etwas gewöhnungsbedürftig aber wunderbar wenn man sich entspannen möchte (oder nicht einschlafen kann).
Kiss on my List von Daryl Hall & John Oates
Dieses Lied bringt mich einfach immer zum Lächeln, vielleicht nicht nur mich…

Die externen Faktoren sind nach wie vor dieselben. Es handelt sich um dasselbe Boot, dasselbe Meer, dieselben Passagiere. Aber meine Einstellung hat sich verändert und damit unmittelbar meine gesamte Wahrnehmung.

Da ich mich zunehmend wohler fühle, kann ich den Blick weg von mir selbst hin zu den anderen Passagieren richten. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die Menschen mit der Situation umgehen. Natürlich, jeder Körper reagiert nunmal anders auf Belastungen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es zu einem Großteil die innere Einstellung ist, welche dazu führt, dass man leiden, genießen oder auch neutral sein kann. Ich beobachte ein junges Mädchen, das sich an einen fremden Burschen klammert (dessen Freundin an seiner anderen Seite sitzt). Ich sehe wie Menschen die Zähne zusammenbeißen oder die Augen schließen. Die wohl spannendste Reaktion zeigt ein kleiner Junge neben mir: er schläft an meinen Arm gelehnt ein. Sitzen wir auch alle im selben Boot (verzeiht den maritimen Wortwitz), so entwickelt dennoch jeder seine individuelle Strategie um auf sich selbst zu achten.

Und wieder lässt sich auch dieses Szenario auf das ganze Leben ausrollen:
Jede unangenehme Situation kann durch das eigene Denken und das eigene Verhalten beeinflusst werden – stets sowohl positiv als auch negativ.
Jede unangenehme Situation geht irgendwann vorüber. Auch wenn man es manchmal nicht glauben kann (oder glauben will). Natürlich gibt es Ereignisse, die einen solchen – körperlichen oder emotionalen – Schmerz verursachen, dass es unvorstellbar scheint, je wieder vollends zufrieden durchs Leben gehen zu können. Ich möchte mir an dieser Stelle nicht anmaßen einen solchen in meiner bisherigen Zeit auf diesem Planeten selbst gefühlt zu haben. Ich stütze meine Behauptung eher auf Bücher und Filme, in denen Menschen von solchen scheinbar unheilbaren Wunden berichten.
Und in all diesen Geschichten wird deutlich: all diese Personen haben letztendlich die für sich individuelle Strategie gefunden um mit der Situation umzugehen.

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