#7: In The Jungle The Mighty Jungle – Über das Finden von Wegen.

Koh Rong Sanloem / Kambodscha.

Seit drei Nächten verweile ich nun auf der paradiesischen Insel Koh Rong Sanloem im Süden von Kambodscha. Da die letzten Wochen durchaus intensiv gewesen sind, beschließe ich mir eine Art Auszeit in meiner Auszeit zu gönnen – mitsamt den nötigsten Faktoren: eigene Hütte, einsamer Strand.

snapseed-7

Die ersten beiden Tage verbringe ich mit Lesen (gleich 1 ganzes und 2 halbe Bücher) und dem Studium meines Südost-Asien-Reiseführers. Das Leben ist zwar unplanbar, aber über die nächsten Schritte meiner Reise muss ich mir dennoch hin und wieder Gedanken machen.

Da ich keine Sonnenanbeterin bin und ich genug Zeit im liegenden Zustand verbracht habe, beschließe ich am 3. Tag die Insel zu erkunden. Viele Optionen gibt es nicht. Der Ort ist gänzlich autofrei, ein Zentrum oder gar eine Hauptstadt existieren schlichtweg nicht. Wohl aber soll es eine nette Wanderung zu einem Leuchtturm geben.

Perfekt! Wanderhose und Sportschuhe an und los! Mein Vermieter sagt mir, dass ich zuerst eine Landzunge überschreiten muss um zu einer anderen Bucht zu gelangen (Dauer rund 40 min). Von dort führe dann ein Weg zum Leuchtturm (Dauer rund 1,45 Stunden).
Er beschreibt mir kurz die Strecke, weist darauf hin, dass der Weg zur anderen Bucht 1. nicht ganz leicht zu finden sei und 2. durch den Dschungel führt. Auf die Frage nach eventuellen tierischen Begegnungen meint er, dass es zwar ein paar giftige Tiere gäbe, diese aber in der Regel mehr Angst vor mir haben als ich vor ihnen… aha… der Klassiker…

Somit mache ich mich gegen 9 Uhr voller Tatendrang mit ausreichend Wasser im Rucksack und in Begleitung meines neuen Hunde-Kumpels auf den Weg. Ich verlasse den Strand nach wenigen Minuten und befinde mich an einer Gabelung. Rechts gelangt man zu einer kleinen Siedlung, links geht es tiefer in den Dschungel, was laut Vermieter der korrekte Weg sei. An dieser Stelle setzt sich mein Hündchen hin und bewegt sich nicht weiter. Ich rufe noch ein paar mal nach ihm (ich habe ihn „Sandy“ getauft, da der Strand „Sandy Beach“ heißt), aber er hat wohl Besseres vor, als mir in den Wald zu folgen (wir merken uns dies bitte…).

bf1bc331-65d4-4a31-a821-8dbf1d0cf9c0

Der Weg führt auf einem Schotterweg leicht bergauf weiter voran. Wieder eine Gabelung… Die hat der Vermieter nicht erwähnt… Ich entscheide mich nach links weiter zu gehen. Nach ein paar Minuten beschleicht mich das Gefühl, dass die Richtung nicht ganz stimmen kann. Ich beschließe einen kurzen Check über Google Maps zu machen (nur über die GPS Funktion da ich ja kein Internet habe). Mein Bauchgefühl wird bestätigt, dieser Weg führt mich wieder in Richtung meines eigenen Strandabschnittes.

Also Kehrtwendung und zurück zur Gabelung. Der Weg geht mäßig steil voran, wird zunehmend enger. Plötzlich stehe ich vor einem Zaun, der aus Ästen aufgebaut wurde. Ein blauer Pfeil möchte mir offenbar den Weg weisen. Wunderbar, fast wie zuhause. An dieser Stelle gibt es keinen richtigen Pfad mehr. Alles ist übersät mit verschiedenen Pflanzen, Gehölz muss überstiegen werden. Ich bin ein wenig unsicher, ob dies wirklich der richtige Weg ist. Da mir jedoch gesagt wurde, dass es sich um einen Dschungel handelt, deckt sich das Bild, das sich mir bietet, mit meiner Erwartung.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit steigen erbarmungslos. Es wird zunehmend beschwerlich voranzukommen. Immer wieder muss ich sogar auf die Äste des Zauns steigen um Hindernisse überwinden zu können. Das ein oder andere Mal zücke ich mein Handy um zu prüfen, ob ich noch auf dem richtigen Kurs bin. Da sich die Karte andauernd dreht, kann mir Google dazu leider keine aufschlussreiche Antwort geben. Und da ich immer wieder diese „Markierung“ erkenne, setze ich meinen eingeschlagenen Weg fort.

Spätestens der Blick auf die Uhr weist mich darauf hin, dass etwas nicht stimmen kann. Ich bin Mitten im Wald. Das Meer, geschweige denn eine Bucht, sind nicht annähernd auszumachen. Der Weg wird mit jedem Schritt schlechter. Für wenige Sekunden macht sich ein leichtes Gefühl der Panik in mir breit. Was wenn ich mich jetzt verletze? Was wenn ich nicht zurück finde? Was wenn nicht alle Tiere mehr Angst vor mir…naja…

Ich bleibe kurz stehen, atme tief durch, sammle mich ein wenig, sehe mich um. Davon abgesehen dass ich definitiv nicht richtig bin, bietet sich mir ein wunderschönes, beinahe mystisches Bild. Der Wald ist extrem verwachsen, die einzigen Geräusche die ich wahrnehme sind die verschiedenen Vogelstimmen und das Knarren der Äste auf denen ich mir meinen Weg bahne.

img_7562

Wer sich jemals im Wald verlaufen hat kennt dieses Gefühl. Instinktiv weiß man manchmal längst, dass der eingeschlagene Weg falsch ist, will es aber einfach nicht wahrhaben. Man ist nun schon so lange auf diesem Pfad gegangen, soll das nun wirklich umsonst gewesen sein? Ist es tatsächlich sinnvoll umzukehren um nach einer alternativen Strecke zu suchen?
Und obwohl der Weg beschwerlich ist und man weiß, dass er mit ziemlicher Sicherheit nicht ans angesteuerte Ziel führt, setzt man ihn fort.

Und genau das mache auch ich. Im Wissen dass dies nicht der Pfad ist, der mich zur Bucht führen wird (sogar Google Maps bestätigt es mittlerweile), bleibe ich auf diesem Weg. Warum? Einerseits hoffe ich doch noch irgendwie dorthin zu gelangen. Bekanntlich gibt es ja meistens mehrere Wege, die zu einem angestrebten Ziel führen. Andererseits möchte ich nun wissen, wohin ich gelange, wenn ich weiter an diesem Zaun entlang gehe (an dieser Stelle könnte man sich übrigens auch Gedanken darüber machen ob ich innerhalb oder außerhalb bin…).

Plötzlich endet der Zaun, ein schmaler Pfad wird sichtbar. Dieser führt eher steil bergab Richtung Meer. Habe ich vielleicht einen einsamen Traumstrand gefunden? Habe ich einfach wieder einmal Glück und aus einer prekären Situation ergibt sich etwas absolut Tolles?

Ein wenig aufgeregt laufe ich fast den Weg hinab, sehe mich bereits in kristallklarem Wasser schwimmen. Doch diesmal werden meine Mühen nicht entsprechend belohnt. Das Bild, das sich mir bietet, ist alles andere als idyllisch. Ich finde eine schäbige Hütte vor, umgeben von Bergen aus Müll. Ich verweile nur ein paar Minuten an diesem trostlosen Ort, versuche mich zu orientieren. Die Karte bestätigt nun den Verdacht, den ich schon längst hegte: ich bin genau an einer gegenüberliegenden Bucht gelandet. Ok, zumindest weiß ich, wo ich mich befinde und kenne dank des Zauns den Weg retour.

Ich hätte mich an dieser Stelle massiv ärgern können. Über mich selbst, da ich nicht früher kehrt gemacht habe. Über den Vermieter, da er den Weg so schlecht beschrieben hat. Über die Hitze, die Vögel, den Zaun usw.
Mach ich aber nicht. Das ist einfach nicht mein Stil mit solchen Situationen umzugehen. Außerdem ist es trotz allem einfach schön hier.
Da mir der Rückweg ja dank des Zauns bekannt ist, brauche ich mich nicht länger auf die Suche nach dem Weg konzentrieren, sondern kann meine Gedanken einfach kreisen lassen.

Ich muss schmunzeln. Mir kommt der Gedanke, dass diese Situation, in der ich mich befinde, nicht nur auf meine Wanderung zutrifft, sondern sich im Grunde genommen aufs Leben als Ganzes übertragen lässt. Und nicht nur auf mein eigenes.

An dieser Stelle kopiere ich ein paar Sätze, die ihr bereits gelesen habt:
Instinktiv weiß man manchmal längst, dass der eingeschlagene Weg falsch ist, will es aber einfach nicht wahrhaben. Man ist nun schon so lange auf diesem Pfad gegangen, soll das nun wirklich umsonst gewesen sein? Ist es tatsächlich sinnvoll umzukehren um nach einer alternativen Strecke zu suchen? Und obwohl der Weg beschwerlich ist und man weiß, dass er mit ziemlicher Sicherheit nicht ans angesteuerte Ziel führt, setzt man ihn fort.

Nun ergänze ich folgendes:
Der Weg an sich ist nie „falsch“. Es ist schlichtweg einfach nicht jener, der mich zu meinem Ziel führen wird. Für einen anderen mag es absolut der „richtige“ Weg sein. In Bezug auf die Wanderung muss die Person, welche in der Müllhütte haust, eben genau diesen einen Pfad entlang marschieren um zum Ziel zu gelangen.
Und es heißt nicht, dass man diesen Weg nicht dennoch genießen kann, im Gegenteil, man kann stets wundervolle Dinge auf allen Wegen sehen, Begegnungen haben, Erfahrungen machen. Es heißt einfach, dass der Weg nicht zum ursprünglichen Ziel führen wird.

Ich könnte stundenlang weiter philosophieren, aber ich denke ihr wollt wissen, wie mein Abenteuer weiter geht. Ich laufe die gesamte Strecke zurück, bis an die erste Gabelung. Die Stelle, an der mich mein Hunde-Kumpel verlassen hat. Und die Erkenntnis, die ich in diesem Moment habe, bringt mich dazu laut aufzulachen. Der Hund war offenbar nicht etwa müde oder gelangweilt von meiner Gesellschaft. Er wusste schlichtweg, dass dieser törichte Mensch in die „falsche“ Richtung läuft.
Und ab da passiert etwas Magisches. Das Phänomen, das immer (egal ob beim Wandern oder im Leben) eintritt, wenn man weiß, dass man plötzlich auf dem richtigen Weg voranschreitet. Der Körper ist energiegeladen, die Gedanken sind ausschließlich positiv.

Ich gehe nun also an der aller ersten Gabelung (ca 10 Minuten entfernt von meiner Hütte) nach rechts. Nochmals möchte ich zu meiner Verteidigung sagen, dass mein Vermieter mich nach links geschickt hat (ich habe es bei meiner Rückkehr hinterfragt). Bereits nach kurzer Zeit im Wald sehe ich das Meer. Ich gehe einen schmalen Pfad entlang, der unbequem, aber bei weitem nicht so verwachsen ist, wie jener der am Zaun entlang führt.
Und da bin ich nun, in der Bucht, die ich drei Stunden lang gesucht habe. Ich sehe tatsächlich ein paar kleine Lokale, beschließe spontan mich mit einem Obstsalat zu stärken und meinen Wasservorrat aufzufüllen.

Und nun?! Soll ich mir nun wirklich noch die Wanderung zu diesem Leuchtturm antun?!
Ich zahle an der Kassa und frage den Betreiber wie man denn zu diesem Insel-Highlight gelangen würde (im Wissen dass den Beschreibungen nicht immer vertraut werden darf).
Bevor dieser antworten kann, meldet sich eine Frauenstimme hinter mir. Da ich einen deutschen Akzent erkenne, schlage ich vor in unserer Muttersprache weiter zu reden.

Birgit berichtet mir, dass sie den Leuchtturm bereits am Morgen suchen wollte, jedoch den Weg nicht gefunden hat… oh oh… sie möchte aber so gern hin und schlägt vor sich gemeinsam erneut auf die Tour zu begeben.
Wir haben sofort einen Draht zueinander. Plaudern ohne Punkt und Komma über – wie man so schön zu sagen pflegt – Gott und die Welt. Und auf einmal, scheinbar ohne Mühe und Anstrengung, erreichen wir unser gemeinsames Ziel. Der Blick der sich uns vom Turm aus bietet ist einfach atemberaubend! Jegliche Strapaze hat sich gelohnt!

img_7579-1

Manchmal muss man offenbar zuerst einen „falschen“ Weg einschlagen bevor man sein Ziel erreichen kann. Vielleicht weil man noch etwas lernen muss. Vielleicht weil es einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt ist. Vielleicht weil man auf einen Wegbegleiter warten muss, mit dem man den „richtigen“ Weg voller Spaß und Leichtigkeit gehen kann.

2 Gedanken zu „#7: In The Jungle The Mighty Jungle – Über das Finden von Wegen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s