#6: Lost & Found in Bangkok – Über Hilfsbereitschaft unter völlig Fremden.

Was macht aus eurer Sicht eine gelungene Reise aus?
Sind es die Sehenswürdigkeiten? Ist es das lokale Essen? Ist es eine tolle Unterkunft? Ja, natürlich gehört all das zum Gesamteindruck, den man im Gepäck wieder mit nach Hause nimmt.
Aus meiner Sicht sind es jedoch vor allem die besonderen Erlebnisse und die Begegnungen mit den Menschen, die eine Reise unvergesslich machen.

Und so wird mir persönlich von allen Dingen, die ich in Bangkok sehen und erleben durfte, die folgende Geschichte sicher speziell in Erinnerung bleiben.

An meinem ersten Tag in der thailändischen Hauptstadt begebe ich mich ganz klassich auf Tempel-Erkundung. Unter anderem besuche ich jene Stätte, in der man den wirklich sehr beeindruckenden liegenden Buddha sehen kann (Wat Pho – falls es jemand genau wissen möchte).

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Bevor ich das Innere des Tempels betrete, beschließe ich noch Geld beim ATM (Bankomat) abzuheben, der sich direkt am Gelände befindet. Vorbildlich zähle ich meine Scheine nach, gebe sie in mein Touri-Bauchtascherl und entferne mich von der Geldmaschine. In ein paar Meter Entfernung besticht mich ein komisches Gefühl… und mein Verdacht bestätigt sich… meine Bankomatkarte ist nicht da wo sie sein sollte!!!
Schnell zurück zum ATM. Karte weder im Schlitz noch am Boden davor. Erneuter Check meines Bauchtascherls… Es besteht kein Zweifel – die Karte ist weg. Im best case habe ich sie stecken lassen und sie wurde eingezogen, im worst case habe ich sie stecken lassen und sie wurde gestohlen…

Nun kommt mir eine meiner Super-Kräfte zugute. Nämlich jene, in solchen Situationen absolut ruhig und gelassen zu bleiben und einen Schritt nach dem anderen zu machen.
Ich prüfe als erstes ob es eine Notfall-Nummer auf dem ATM gibt. Check. Da ich nicht im Besitz einer thailändischen SIM-Karte bin, muss ich mir für die Lösung meines Problems Hilfe suchen.
Die beiden ersten Menschen, die ich anspreche verstehen leider kein Englisch. Ich wende mich an eine Dame, die als Verkäuferin im Tempel arbeitet. Auch sie spricht kein Englisch, versteht anhand meiner Erklärungen mit Hand und Fuß aber offenbar was passiert ist und begleitet mich zur Teufelsmaschine.

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Ein paar Sekunden später stößt ein Guide zu uns, der ein paar grundlegende Sprachkenntnisse hat und somit kurzerhand als Dolmetscher agiert. Die nette Dame, die somit nun über den Vorfall umfassend im Bilde ist, greift ohne zu zögern zu ihrem Smartphone und wählt die angegebene Notfalls-Nummer. Wie bestellt und nicht abgeholt, stehe ich daneben während sie eine gefühlte Ewigkeit damit beschäftigt ist, der Person in der Hotline alle nötigen Informationen zu geben. Irgendwann drückt sie mir kommentarlos ihr Telefon in die Hand. Zu meiner Freude spricht die Person fließend Englisch. Weniger Freude hingegen empfinde ich, als mir offenbart wird, dass es mindestens 2 Werktage dauert, bis der Bankomat geöffnet werden kann.

Das geht nicht. PUNKT. Zum einen habe ich 2 Tage später meinen Flug nach Kambodscha. Zum anderen muss ich meine Karte sperren für den Fall, dass sie doch nicht im Bauch des ATM ist.
Ich betone also mehrmals, dass ich bereits am folgenden Tag einen Flug habe. Nach kurzer Diskussion verspricht man mir, umgehend einen Antrag zu stellen, sodass die Chancen gut stehen, dass ich meine Karte am nächsten Nachmittag in der Bankfiliale abholen kann. Damit bin ich vorerst zufrieden.

Als ich um die Adresse der Zweigstelle bitte, erklärt man mir, dass es offenbar keine konkrete Adresse gibt. Ich solle das Telefon wieder der Verkäuferin geben, die die ganze Zeit neben mir wartet. Nachdem die beiden erneut ein kurzes Gespräch führen erklärt mir der Hotline-Mensch, dass mich die nette Dame zur Bank bringen wird, damit ich am nächsten Tag den Weg kenne. Im genau richtigen Moment taucht der Kollege wieder auf, der zum Glück der englischen Sprache mächtig ist. Er erklärt mir, dass die Filiale nicht allzuweit entfernt ist, die Dame mich jedoch mit ihrem Roller hinbringen wird, da es zu Fuss doch einige Zeit in Anspuch nehmen würde. Und schon macht sich die kleine Thailänderin auf den Weg zum Ausgang, spricht die ganze Zeit mit mir während ich nur mit einem Lächeln antworten kann.

Am Parkplatz angekommen, organisiert sie mir sogar noch einen Helm. Die Tatsache, dass es ein Kinderhelm mit Comic-Motiven ist, amüsiert sie so sehr, dass sie eine Minute lang drüber kichert. Wir düsen rund 10 Minuten durch die Straßen von Bangkok. Ich versuche mir den Weg gut einzuprägen, schließlich muss ich ihn dann alleine und zu Fuß wieder finden. Die Dame zeigt mir die Bank, wir wenden und fahren den Weg zum Tempel retour.

Ich bedanke mich gefühlte 100 Mal bei ihr, was gefühlte 200 mal zu wenig ist. Leider habe ich den Gedanken ihr ein Trinkgeld zu geben zu spät, schon verschwindet sie unter den vielen Tempel-Besuchern.
Ich setze mich kurz um das Geschehene zu verarbeiten. Wie unfassbar nett und hilfsbereit ist das alles? Hand aufs Herz: wer von uns würde seine Arbeit unterbrechen um einen wildfremden, offenbar etwas schusseligen Menschen, durch eine Großstadt zu kutschieren…?!

Nach dem Besuch des Tempels beschließe ich, gleich nochmal zu Fuß zur Bank zu gehen. 1. damit ich den Weg dann garantiert kenne 2. weil mir der Gedanke kommt, dass mir ein „echter“ Mensch vielleicht noch schneller und verlässlicher helfen kann als eine doch anonyme Hotline-Stimme. Gesagt getan.

Bei der Filiale angekommen muss ich leider erneut die Erfahrung machen, dass Englisch unter den Thailändern offenbar nicht weit verbreitet ist. Jedoch mache ich ebenfalls erneut die Erfahrung, dass diese Menschen eine viel wichtigere Fähigkeit haben: absolute Hilfsbereitschaft. Der Mitarbeiter der Bank holt sein Smartphone und übersetzt das jeweils Gesprochene mit einer App. Er ruft nochmals bei der Hotline an, mit dem Ergebnis, dass ich um 13 Uhr am folgenden Tag in die Bank kommen solle.

Nach all der Aufregung und Anspannung setze ich mich in ein Café an der Ecke, wohl das süßeste Lädchen in ganz Bangkok mit einem exzellentem Iced Latte und einem super leckeren Scone (ok ich habe gleich zwei gegessen). Tja, ohne den Bankomat-Karten-Vorfall wäre ich wohl niemals in diese Strasse gekommen.

An der Stelle möchte ich mich von ganzem Herzen bei diesen Menschen bedanken, die mich so unglaublich unterstützt haben. Leider werden sie diesen Beitrag vermutlich nie lesen, aber vielleicht spüren sie meine Worte irgendwie 🙂
Ich selbst habe mir auf jeden Fall vorgenommen, mich an diese Geschichte zu erinnern, sollte mich einmal jemand um Hilfe und Unterstützung bitten (va. in Situationen in denen es mir gerade eigentlich nicht passt hilfsbereit zu sein!).

Ach ja, da war ja noch etwas… was ist aus meiner Karte geworden?
Nachdem sie eine einsame Nacht in einem thailändischen ATM verbringen musste, darf sie nun wieder in meinem Bauchtascherl verweilen 🙂
Und weil ich nochmal in der Gegend war haben wir unser Wiedersehen gleich mit Iced Latte und Scone im süßen Café gefeiert …

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Ein Gedanke zu „#6: Lost & Found in Bangkok – Über Hilfsbereitschaft unter völlig Fremden.“

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