#5: Happy Kundalini Yoga – Über das Verlassen von Komfortzonen (schon wieder).

Pokhara / Nepal.

Bereits in meinem ersten Gastbeitrag in Anjas Blog (gleichzeitig Beitrag #3 hier) ging es um das Thema Komfortzonen bzw. die Überschreitung der selbigen (Nasenspülung – für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemand vergessen haben sollte…). Und bei näherer Betrachtung dreht sich auch der Beitrag über Gruppenreisen um dieses Thema. Nämlich darum, sich unbekannten Dingen zu stellen und Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Und so finde ich mich auch in Nepal in einer Situation wieder, in der ich meine persönliche Komfortzone verlassen darf – ja ich sagte darf. Denn, so sehe ich das mittlerweile tatsächlich.

Aber, von Anfang an. Wie ihr aus dem letzten Beitrag wisst, bin ich eine Zeit lang ein Schäfchen in der Herde (Stichwort Gruppenreise). Die Tour führt uns unter anderem in den malerischen Ort Pokhara in Nepal. Zu meiner großen Freude gibt es nur einen einzigen gemeinsamen Programmpunkt (Sunset mit Blick aufs Annapurna Gebirge – leider bewölkt – trotzdem beeindruckend). Der Rest des Tages ist „Freetime“. Yippie!!!

Um dem Lager-Koller zu entgehen und mein Sport-Defizit auszugleichen, ziehe ich mir meine Turnschuhe an und genieße es am See entlang zu laufen. Nach einer erfrischenden Dusche, freue ich mich auf ein Frühstück und lande in einem entzückenden Café, in dem ich gleich mal drei Stunden verweile. Ich lese, schicke Sprachnachrichten, beobachte das Treiben im Lokal – kurz gesagt: ich bade in absoluter Glückseligkeit.
Gut gestärkt mache ich mich auf den Weg um die umliegenden Shops zu erkunden. Ein paar Schritte weiter entdecke ich eine Tafel, die zwei verschiedene Yoga Einheiten ankündigt. Hatha Yoga (bestens bekannt aus unserer Ausbildung) und Kundalini Yoga (hmm… schon mal gehört aber was war das noch gleich?!?).

snapseed-2

Da mir die Zeit, zu der das Hatha Yoga statt findet, nicht passt, beschließe ich mal ganz spontan zum Kundalini Yoga zu gehen, Start ist um 18.30 Uhr. Damit ich mit Gewissheit einen der – bestimmt heiß begehrten – Plätze ergatterte, finde ich mich bereits eine Stunde vorher ein. Offenbar ist diese Tafel den anderen Besuchern von Pokhara entgangen, ich bin die einzige Interessentin.
Die Einheit findet jedoch dennoch statt. Ich bin gemischter Gefühle, denke mir aber sofort, dass es im Grunde ja extrem cool ist, eine private Yoga Session in Nepal zu bekommen (und das um 6.50 Euro…).
Somit nehme ich im angrenzenden Café Platz, trinke einen Masala Chai Tee und warte auf den Beginn meiner Einheit.
Langsam breitet sich Nervosität in mir aus… Kundalini Yoga… was ist wenn das etwas Schräges ist… etwas Peinliches… oder worst case: ich das nicht kann…???!!!

Es bleibt nicht lange Zeit zum Grübeln, schon werde ich von einer Dame gebeten ihr in den ersten Stock zu folgen. Der Raum ist recht klein, in eher dunklen Farben gehalten aber sehr urig und dadurch gemütlich. Ein paar Minuten später trifft ein Nepalese ein, der sich mir als “Happy” vorstellt (ja, ich habe mehrmals nachgefragt, ob das wirklich sein Name ist…mehrmals sagte er ja…).
Kurz überlege ich noch zu fragen, ob wir nicht doch das vertraute Hatha Yoga praktizieren können. Ich bin aber mutig und Willens etwas Neues zu versuchen. Der gute Herr Happy ist mir unglaublich sympathisch, was für das weitere Geschehen vermutlich auch eine wesentliche Voraussetzung ist.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich mich nicht eingehend mit Kundalini Yoga beschäftigt habe. Aufgrund meines Mangels an Zeit (ja, wirklich…) und schnellen Internet Verbindungen konnte (ok: wollte) ich für diesen Beitrag keine tiefer gehenden Recherchen anstellen. Es handelt sich hiermit somit ausschließlich um einen Bericht meiner Erlebnisse und Erfahrungen während der Einheit.

Happy erklärt mir, dass es bei Kundalini Yoga darum geht, die Chakren und damit die Energie im Körper zu aktivieren. Er weist mich darauf hin, dass alles (!) passieren kann. Ich solle mich einfach (!) darauf einlassen. Laut seiner Info praktizieren viele Künstler aber auch Erfinder bzw. kreative Menschen aller Art diese Form des Yoga. Angeblich zählte unter anderem Steve Jobs zu den Anhängern. Na dann…

Bei Kundalini geht es nicht primär um den physiologischen Aspekt, sondern man begibt sich weiter in den Bereich der Meditation. In der Vergangenheit startete ich bereits mehrere Versuche mich in meditativen Techniken zu üben – ohne nachhaltigen Erfolg. Ich bin ein absoluter Kopfmensch, Meisterin der Analyse, passionierte Voraus-Planerin. In Meditationen schaffe ich es kaum meine Gedanken im Zaum zu halten, was im Endeffekt zu Frust und Anspannung führt. Nicht unbedingt Sinn der Sache…

Happy erklärt mir anhand eines Posters die verschiedenen Chakren sowie den Ablauf der Praxis. Unsere gemeinsame Zeit gliedert sich in drei Abschnitte:
1. Shaking (quasi ein Durchschütteln des Körpers)
2. Asanas (Yoga-Positionen)
3. Pranayama (Atem-Übungen)

Was also passiert nun innerhalb der drei Abschnitte:
Das Shaking ist bereits aus Zeiten der Yoga Ausbildung bekannt. Man steht aufrecht, schließt die Augen, bewegt die Knie ohne jedoch die Füße vom Boden zu lösen. Gleichzeitig schüttelt man dabei die Arme, wodurch im Grunde der ganze Körper involviert wird. Für ein paar Sekunden fühle ich mich ein wenig unwohl dabei. Es ist schon in der Gruppe recht merkwürdig das zu machen, geschweige denn alleine mit einem Yoga-Lehrer. Ich schaffe es aber sofort loszulassen und den Fokus zu behalten. Kurze Pause, atmen, nachspüren.

Danach soll die Achtsamkeit auf den unteren Rücken gelegt werden. Man führt das Shaken also nicht über die Knie aus, sondern über kleine ruckartige Bewegungen in der Lendenwirbelsäule. Das ist tatsächlich nicht ganz so einfach (gern an dieser Stelle einen Selbstversuch wagen), verlangt einiges an Konzentration. Kurze Pause, atmen, nachspüren. In den nächsten Abschnitten wird der Fokus noch auf das Zwerchfell und auf den Bereich des Herzens gelegt.

An dieser Stelle fällt es mir etwas schwer meine Empfindungen zu beschreiben. Ich habe keine emotionalen Ausbrüche (der Typ bin ich einfach grundsätzlich nicht), aber es wird etwas in Gang gesetzt, im Körper und im Geist. Mehrmals muss ich einfach spontan Lächeln, mit geschlossenen Augen, einfach für mich. Ich fühle mich sehr entspannt und gleichzeitig hellwach. In den Ruhephasen zwischen der Aktivierung der einzelnen Bereiche hat man das Gefühl dass sich der Körper weiter bewegt, obwohl man still steht.
Spannend für mich ist vor allem was in meinem Kopf vorgeht. Zu Beginn sind meine Gedanken noch sehr laut. Ich ertappe mich dabei bereits an diesen Blog Beitrag zu denken. Wie formuliere ich das Erlebte, welcher Titel wäre passend…? Aber ich schaffe es die Gedanken schnell wieder ziehen zu lassen. Und zum ersten Mal gelingt es mir, nicht enttäuscht zu sein, wenn ich mal kurz an die Außenwelt denke, ich nehme es an und lasse es zu, halte aber nicht daran fest oder verbeiße mich in einen Gedankengang.

Im zweiten Teil kommen wir auf die Matte und machen ganz sanfte und ruhige Bewegungen. Erneut wird der Fokus nach und nach auf die einzelnen Chakren gelegt. Auf jede Übung folgt wieder eine kurze Meditationsphase im Sitzen.

Die größte Herausforderung liegt für mich im dritten und letzten Abschnitt der Einheit: Pranayama. Ich persönlich bin kein großer Fan von Atem-Übungen. Manchmal ist es mir einfach unangenehm den Atem auf eine eher unnatürliche Art und Weise zu steuern, immer wieder erlebe ich dabei Schwindelgefühle. Happy und ich sitzen uns also mit ein paar Metern Abstand gegenüber und atmen nach und nach in die Chakren-Bereiche (unterer Bauch, Nabel, Zwerchfell, Herz, Hals). Hierbei werden jeweils verschiedene Techniken durchexerziert: Ausatmen mit einem Ruck inklusive Ton, langsames Ausatmen wobei Vibration entstehen soll.

Ich bin erstaunt über mich selbst, dass ich kein Problem damit habe, mich voll und ganz darauf einzulassen. Ich muss denke ich nicht erwähnen, wie merkwürdig das Ganze klingt… spätestens an dieser Stelle bin ich extrem froh über meine Privatstunde. Ich kann mich auf mich konzentrieren und werde nicht davon abgelenkt, auf den Rhythmus oder die Geräusche anderer Teilnehmer zu achten. Ein leiser Gong kündigt jeweils das Ende einer Sequenz an, dazwischen immer kurze Meditationen.
Meine Gedanken stehen keineswegs still, drehen sich aber nicht um Themen und Sorgen des Alltags sondern sind rein auf den Moment fokussiert. Ich glaube, genau so soll das sein. Zumindest fühlt es sich richtig und gut an.

Wie jede Yoga Einheit endet auch die Kundalini Session in Shavasana (Tote Mann Position). Man liegt am Rücken, Beine geöffnet, Arme leicht ausgestreckt, Handflächen nach oben.
Plötzlich spüre ich eine minimale Veränderung an meinen Fusssolen, eine angenehme Wärme die langsam in meinem Körper hochsteigt. Ich gehe davon aus, dass Happy meine Füße jeweils mit einem Finger berührt, es ist aber so minimal, dass ich es eher erahnen als tatsachlich spüren kann. Ich fühle mich wie eine Stabbatterie, die von einer Seite her geladen wird.
Langsam soll ich wieder in meinen Körper kommen, mich ruhig bewegen, sanft die Augen öffnen. Ich sprudle vor Euphorie und schildere meinem Lehrer umgehend meine Empfindungen.

Es war wirklich eine schräge aber extrem positive Erfahrung für mich. Und wieder einmal bin ich stolz darauf, meine Komfortzone verlassen zu haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s