#4: Follow the herd – Über das Reisen in einer Gruppe.

Noch von Graz aus habe ich vor einer gefühlten Ewigkeit eine 14-tägige Gruppenreise gebucht, die mich von Delhi nach Kathmandu führen sollte. Ich muss gestehen, gegen Trips in der Herde verspüre ist seit jeher eine instinktive Abneigung. Mit dieser Art von Reisen verbinde ich asiatische Menschen, die wie ferngesteuert einer bunten Wimpel (austauschbar gegen einen Regenschirm) folgen… und natürlich den allseits beliebten Verkauf von Heizdecken.

Wie kommt es also dazu, dass ich Anfang März dennoch gemeinsam mit 14 anderen Menschen von Delhi nach Kathmandu reise? Tja, Zufall würde ich sagen … ok, ok … es gibt ja keine Zufälle.
Ich entschließe mich dazu, sämtliche Flüge über ein Reisebüro zu buchen (kann ich sehr empfehlen, wenn man nicht nur von A nach B und retour fliegt by the way). Als ich auf meine Beratung warte, entdecke ich einen Flyer, der einen Info-Abend über Indien anpreist. Wieder so ein Zufall…
Zuerst lege ich diesen gleich wieder zur Seite. Wie uncool, so etwas brauche ich sicher nicht! Doch dann denke ich mir, dass es eigentlich nicht schaden könnte dem Vortrag beizuwohnen, um ein paar Inspirationen zu bekommen. Gesagt – getan.

Die Präsentation wird von einem Inder gehalten, der eine der Touren selbst durchführt. Er stellt einige Trips in Nordindien vor. Hmm… stand eigentlich nicht auf meinem geistigen Plan. Ich hatte ursprünglich die Absicht als frisch gebackene Yoga Lehrerin weiter in den Süden Indiens nach Kerala zu reisen. Der Bericht macht mir den Norden jedoch dermaßen schmackhaft, dass meine Pläne ins Wanken geraten.

Auf den besagten Abend folgen einige Tage des Zweifels und der Unsicherheit. Ich weiß nun also: ich will den Norden sehen – das „echte“ Indien. Als ich meinem Umfeld von meiner neu geborenen Idee berichte, ernte ich skeptische Blicke und Kommentare. Allein, als (noch dazu blonde) Frau, in den Norden…?! Und unabhängig von der Sicherheit sei das Reisen in Indien doch einfach nur mühsam…

Somit gebe ich dem Thema Gruppenreise eine Chance, lese mich noch tiefer in die möglichen Optionen ein und erkenne doch einige Vorteile. Die Gruppe ist mit 15 Personen überschaubar, es scheint viel Freizeit für individuelle Erkundungen eingeplant und die Touren werden ausschließlich von Einheimischen geführt.
Die Unentschlossenheit schreitet weiter voran, als ich damit beginne Indien-erfahrene Menschen in meinem Umfeld nach ihrer Meinung zu fragen. 5 Personen, 10 Meinungen zu meinem Dilemma.
Und irgendwann reicht es mir und ich buche das Ding einfach. Haken drunter. Ich bin fein damit.

Zumindest bis ungefähr die Hälfte meiner Yoga Ausbildung erreicht ist. Ich verspüre zunehmenden Lager-Koller, wünsche mir einfach nur Zeit für mich alleine, einen einzigen Tag ohne Stundenplan und Vorgaben von anderen Menschen. Am liebsten würde ich die Reise stornieren und alleine weiter ziehen. Aufgrund eines unterzeichneten Vertrages ist dies natürlich keine gangbare Option.

Also steige ich Anfang März in ein Flugzeug nach Delhi und lasse mich anschliessend mit einem bereits für mich organisiertem Taxi zum Hotel chauffieren. Totale Enttäuschung macht sich in mir breit. Das Hotel ist… richtig schön und super stylish… vergleichbar mit einer 4 Sterne Unterkunft in Europa. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich sagte Enttäuschung. Ich will ja schließlich das “echte” Indien sehen…
Beim Einchecken erfahre ich, dass meine Zimmer-Kollegin bereits angekommen ist. Habe ich noch nicht erwähnt, dass ich mich aus Kostengründen für die Variante eines Doppelzimmers entschlossen habe?!
Ich ertappe mich dabei, mich innerlich immer stärker gegen diese Reise zu wehren. Ich habe keine große Lust meine Wegbegleiter näher kennen zu lernen, will immer genau das machen, was gerade nicht am Plan steht.

Recht bald erkenne ich jedoch, dass die beiden Wochen mit dieser Einstellung nicht angenehm werden könnten und beschließe meinen Blickwinkel zu verändern. Ich versuche den Fokus auf die positiven Dinge zu richten, und siehe da, es gibt doch einige.

Der größte Vorteil ist, das liegt denke ich auf der Hand, dass man sich um absolut nichts kümmern muss. Man wird von A nach B gebracht (in meinem Fall teilweise mit einem privaten Bus, aber auch mit Zügen oder Tuk Tuks), muss sich nicht mit Hotelbuchungen beschäftigen, braucht sich kein Programm für den jeweiligen Tag überlegen.

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Im Idealfall sind die Mitreisenden keine Monster und so hat man die Gelegenheit diese Menschen etwas Näher kennen zu lernen, als es bei den klassischen Travaller-Begegnungen der Fall ist, die oftmals kaum über die Standard-Fragen „Where are you from?“ und „Where have you been?“ hinausgehen. Und so beginne ich, dieser Art des Reisens etwas abzugewinnen. Mein Kopf ist zum ersten Mal seit langem völlig frei. Ich nutze die Zeiten im Bus zum Schlafen, zum Lesen, zum Nachdenken (aber eben nicht über Zugtickets und Unterkünfte).

Wie alles im Leben hat auch eine Gruppenreise nicht nur Vorteile, sondern eben auch ihre Schattenseiten. Wie bereits im Rahmen der Yoga Ausbildung habe ich wieder das Gefühl keine Zeit für mich alleine zu haben, was durch den Faktor Doppelzimmer natürlich noch verschlimmert wird. Um meinen Mitreisenden nicht irgendwann die düstere Seite meiner Persönlichkeit präsentieren zu müssen (wo Sonne scheint gibt es auch Schatten), beschließe ich irgendwann, dass ich mir die Zeit für mich einfach nehmen werde, egal was die anderen über mich denken könnten. So gebe ich im Bus ab sofort immer wieder die Kopfhörer rein, um meine Ruhe zu haben. Und ich nutze die zur Verfügung stehende Freizeit verstärkt für mich selbst, gehe Laufen, mache Yoga, erkunde die Umgebung auf eigene Faust.

Ein Faktor, den ich eben noch als Vorteil erwähnt habe, erweist sich gleichzeitig als massiver Nachteil. Die Tatsache, dass man sich keine Gedanken über das Programm machen muss, da man ja einer vorgegebenen Agenda folgt, hat zur Folge dass man gleichzeitig absolut unflexibel ist. Gefällt einem ein Ort, so kann man sich nicht spontan dazu entschließen, einen Tag länger zu verweilen. Man muss machen was die Herde macht. Hat man zu Mittag eigentlich noch gar keinen Hunger, so sitzt man trotzdem mit den anderen eine Stunde lang in einem Restaurant. Man muss essen wann die Herde isst.

Was ist nun also mein persönliches Fazit nach zwei Wochen in einer Gruppe?
Wie schon gesagt, alles im Leben hat bekanntlich seine Vor- und Nachteile.

Ich hätte viele unglaublich tolle Orte vermutlich nicht gesehen, wenn ich diese Tour nicht gebucht hätte.

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Ich hätte einige unvergessliche Sonnenuntergänge vermutlich nicht erleben dürfen.

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Ich hätte einige liebe Menschen vermutlich nie kennen gelernt.

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So, und jetzt kommt es, das aber Ich weiß nun, dass dies definitiv nicht meine Art des Reisens ist. Ich möchte jeden Tag selbst entscheiden wohin mich mein Weg führt und mit wem ich diesen gehen möchte, bei allem Aufwand der damit einhergeht.
Und wie alles im Leben hatte auch diese Reise ihren Sinn. Ich habe einiges über mich selbst erfahren, konnte mein Verhalten in Gruppen reflektieren, konnte lernen meine Bedürfnisse an erste Stelle zu setzen. Und alleine schon aus diesem Grund bereue ich es nicht Teil der Herde gewesen zu sein.

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