#2: You are your hell and your heaven – Über die Notwendigkeit von Selbstliebe in einem Yoga Teacher Training.

Ich kann es kaum glauben. Zwei Monate ist es mittlerweile her, dass ich mein Yoga Teacher Training in Goa (Indien) begonnen habe. Einige Erinnerungen sind bereits verblasst, manch eine Begebenheit ist in Vergessenheit geraten. Es wäre einfacher über eine aktuelle Geschichte zu schreiben, eine bei der die Emotionen noch völlig präsent sind. Aber irgendwie ist es mir ein Bedürfnis „von vorne“ zu beginnen.

Ich habe beschlossen, in diesem Beitrag keinen allgemeinen Erfahrungsbericht (Kosten, Inhalte, Unterkunft etc.) über die Ausbildung abzugeben. Das ist mir zu neutral, zu emotionslos, zu langweilig. Natürlich könnt ihr euch aber gern an mich wenden, solltet ihr ebenfalls den Wunsch hegen, ein Teacher Training in Indien zu absolvieren.

Wenn ich auf die 3 Wochen in Goa zurück blicke, denke ich an wunderbare Menschen, an einen traumhaften Strand, an hervorragendes Essen. Ich denke natürlich aber vor allem an die verschiedenen Erfahrungen, die ich im Rahmen der Ausbildung gemacht habe.

 

img_5662

Der Stundenplan ist… nennen wir es… intensiv. 6 Tage Woche. 11 Stunden Tag. In den theoretischen Einheiten wird vor allem über die Yoga-Philosophie gesprochen. Zudem wird weiteres Wissen zu anderen Bereichen wie Anatomie oder Ayurveda (das eigentlich Ayurved heißt wie wir erfahren …) vermittelt. Einen großen Bestandteil der Ausbildung machen natürlich die praktischen Einheiten aus. Spätestens nach der ersten Ashtanga Klasse wird jedem von uns bewusst, dass wir hier kein gemütliches Retreat am Strand gebucht haben. Die Worte Inhale (einatmen) und Exhale (ausatmen) werden gebetsmühlenartig wiederholt. Wir praktizieren selbst mehrere Stunden am Tag, lernen wie man die verschiedenen Positionen korrekt ausführt und diese anleitet.

Körper und Geist werden enorm gefordert, zumal neben den Strapazen der Ausbildung weitere Faktoren wie Klima oder Verdauungsstörungen hinzukommen. Über den Verlauf der Zeit steigt die Anzahl an Schülern, die aufgrund von starken Schmerzen oder Erschöpfung teilweise tagelang pausieren müssen, kontinuierlich an. Ich habe Glück. Natürlich spüre ich meinen Körper wie schon lange nicht mehr, habe aber keine Beschwerden, die mich daran hindern an den Einheiten teilzunehmen.

Und so wie jeder Körper unterschiedlich mit Belastung umgeht, so reagiert auch der Geist bei jedem Menschen auf seine Art und Weise. Immer wieder sitzen Mädels in einer Ecke und weinen, trösten einander. Sei es weil sie jemanden in der Heimat vermissen, sei es weil die Ausbildung fordernder ist als erwartet, sei es weil sie ein stark emotionales Thema mit nach Indien gebracht haben. Ich habe Glück. Auch in dieser Hinsicht bleibe ich „verschont“. Ich gestehe an dieser Stelle jedoch, dass ich jene Menschen, die ihren Emotionen einfach ungehemmt freien Lauf lassen können, auch manchmal beneide.

Natürlich beschäftigt und bewegt auch mich das ein oder andere Thema, macht mir die ein oder andere Situation zu schaffen. So leide ich zunehmend darunter, keine Zeit für mich alleine zu haben (habe ich schon erwähnt, dass ich die Ausbildung mit 40 weiteren Teilnehmern aus der ganzen Welt mache?!). Zudem ertappe ich mich dabei in alte Muster zu verfallen und verspüre teilweise einen enormen Druck was die Ausbildung betrifft (der Satz „warum habe ich mir das angetan…“ kommt mir mehrmals in den Sinn). Ich habe meinen Job gekündigt um endlich richtig frei zu sein, und fühle mich manchmal einfach nur gefangen an diesem wunderschönen Ort.

Und so kommt es, dass eines Tages auch in meinen Augen ein paar Tränen glänzen. Es sind allerdings Tränen des Zorns und der Wut. Auf dem Stundenplan steht eine 90 Minuten „Arm Balancing“ Einheit. Man macht also, wie der Name es vermuten lässt, diverse Posen bei denen die ganze Belastung auf Hände und Arme gelegt wird um den restlichen Körper von der Matte anzuheben. Da ich seit jeher Probleme mit den Handgelenken habe, ist meine Vorfreude auf diese Klasse eher gedämpft.

Bereits ab der ersten Übung spüre ich Schmerzen, fühle mich absolut unwohl. Die Posen sind technisch sehr herausfordernd, Balance und Kraft sind gefragt. Hinzu kommt, dass der Lehrer mit einer sehr speziellen Art und Weise an die Sache herangeht. Die Übung wird ganz kurz gezeigt, muss unmittelbar selbst ausgeführt werden. Schüler, welche die Position nicht umsetzen können, werden nach vorne geholt um vor den Augen der ganzen Klasse zu lernen. Nach der Reihe geben einige auf und setzen sich an den Rand. Obwohl ich keine einzige Übung korrekt durchführen kann und meine Handgelenke mittlerweile extrem schmerzen, schaffe ich es nicht es ihnen gleich zu tun. Aufgegeben gibt es in meinem Wortschatz einfach nicht. Ich bin den Tränen nahe, fühle mich einfach nur machtlos.

Doch bin ich das wirklich? Erst als die Einheit bereits lange vorüber ist begreife ich, dass ich zu keinem Zeitpunkt machtlos gewesen bin. Ich war es, die auf der Matte geblieben ist. Ich war es, die trotz Schmerzen und unglaublicher Wut im Bauch weiter gemacht hat. Und das, obwohl es überhaupt keine Konsequenzen gehabt hätte, wenn ich diese Einheit vorzeitig verlassen hätte.

Und es ist natürlich nicht verwunderlich, dass ich mich nicht zum ersten Mal in meinem Leben in einer solchen Situation befinde. Diese Erfahrung hat mir jedoch wieder extrem deutlich gemacht, dass nur ich alleine für mein Glück und mein Wohlbefinden verantwortlich bin und dieses Gefühl der Machtlosigkeit (fast immer) rein selbst auferlegt ist. Warum sind wir manchmal so hart zu uns selbst? Einen Freund würden wir schließlich auch nicht dazu zwingen etwas zu machen, das er nicht tun möchte, bei dem er sich unwohl fühlt oder gar Schmerzen erleidet? Weshalb also behandeln wir uns immer wieder so? Sollten wir uns selbst nicht so lieben wir unseren Nächsten (oder wie war das noch?!).

Neben diesen eher fordernden, aber äußerst lehrreichen Momenten, darf ich Goa mit unzähligen wunderbaren und unvergesslichen Eindrücken verlassen. Ich habe unglaublich herzliche und inspirierende Menschen kennen gelernt. Und, nicht zu vergessen, ich habe ein Zertifikat im Gepäck, welches bestätigt, dass ich mich nun offiziell Yoga Trainerin nennen darf.

3 Gedanken zu „#2: You are your hell and your heaven – Über die Notwendigkeit von Selbstliebe in einem Yoga Teacher Training.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s